An die Arbeit

„Ich will die Welt sehen. Hauptsache weg vom Dorf.“

Vier Szenenstudien zu Effi und Innstetten: Der Moment auf dem Abiball, in dem Effi sich entschließt, eine Beziehung zum älteren Innstetten einzugehen – obwohl sie weiß, dass er der Ex ihrer Mutter ist.

Das neblige Licht in dem stickigen Saal, gestreut durch die billige Diskokugel, störte mich nicht im Geringsten, auch wenn ich kaum erkennen konnte, was fünf Meter weiter passierte. Ich wartete ja nicht darauf, dass jemand mich zum Tanzen auffordern würde. Ganz im Gegenteil, ich war vollkommen zufrieden damit, einsam an meinem Glas Sekt zu nippen und darauf zu warten, dass ich wieder gehen konnte. Ehrlich gesagt hätte ich den Abiball am liebsten gemieden. Mich reizte nichts daran, pappige Häppchen zu essen und Großeltern beim Stolz sein auf ihre dämlichen Enkel zuzusehen.

„Effi, hörst du mir noch zu?“

Ich schaute Innstetten an. Nein, wollte ich sagen, ich habe dir auch vorher nicht zugehört.

„Natürlich, natürlich.“ Meine Mutter war nicht weit, sie wäre außer sich, wenn ich so unhöflich zu ihrem lieben Innstetten wäre. „Wovon hatten wir gerade gesprochen?“

„Ich sagte, dass ich mein Haus in Kessin renovieren lassen habe. Es ist jetzt sehr viel heller und einladender.“
„Kessin“, ich überlegte, ob ich den Ort kannte, „ist das weit weg von hier?“
Innstetten lächelte schmallippig. „Gerade nah genug, damit ich euch oft besuchen kann.“
Weit genug weg, um nicht vor Langeweile zu sterben.

In dem Moment war mir egal, dass meine Mutter immer noch von Innstetten redete, als wäre er die Liebe ihres Lebens. Die konnte er gern bleiben – ihre Liebe, meine Übergangslösung. Mir war klar, dass ich an einer Uni keine Chance hatte. Erstens glaubte meine Mutter nicht, dass ich studieren müsste („Bleib hier und lern etwas Nützliches!“), zweitens konnten wir dafür in keinster Weise bezahlen. Aber Innstetten, dieser aufgedunsene Mann mit viel zu gegelten Haaren, hatte Geld. Genug für sich und mich.

Mein Herz traf die Entscheidung schneller als mein Verstand folgen konnte. Ich reichte Innstetten ein Sektglas vom Buffet und stieß mit ihm an.

„Bitte erzählen Sie mir mehr von Kessin, ich bin sicher, es ist wunderschön.“

Amely

 

Berlin ist ein Anfang

Die Musik bringt den Fußboden zum Vibrieren, teilweise hört es sich so an, als würden die Neunzigerjahrehits nur noch aus Bass bestehen. Es ist überwiegend dunkel, nur manchmal erleuchten bunte Lichter die Halle, in der unser Abiball stattfindet.
Mein Abiball.

Die Mädchen sehen noch nuttiger aus als sonst und die Typen sehen alle gleich aus.

Ich schaue an mir herab. Ich sehe nicht nuttig aus. Zumindest schätze ich es selbst so ein. Ganz im Gegensatz zu meiner besten Freundin, die schon völlig betrunken ist und scheinbar gar nicht mehr mitkriegt, dass ihr trägerloses, lilafarbenes Kleid auf halb acht hängt, als sie sich neben mich an die Bar stellt und dabei ignoriert, dass sich noch andere Menschen um ein Getränk bemühen. Ich schaue an Emilys schielendem Gesicht vorbei, der Barfrau hinterher. Sie hetzt durch die Gegend, um alle Bestellungen aufzunehmen. Sie sieht überfordert aus. Sie scheint auch vergessen zu haben, dass ich vor zehn Minuten eine Cola bestellt hatte. Aber wer bestellt auch alkoholfreie Getränke auf einer Veranstaltung, bei der sowas den gesellschaftlichen Normen widerspricht. Emily scheint glücklich mit ihrem Vollbier zu sein. Ihrem fünften inzwischen. Bei allen anderen Getränken konnte ich nicht mehr mitzählen. Sie neigt den Kopf zu mir: „Wer is’n der alte Sack da bei deiner Mutti?“
Irritiert schaue ich sie an. „Das ist mein Vater.“
Emily grunzt. Das sollte wahrscheinlich ein Lachen darstellen.

„Schon klar, wer dein Vater ist, Pappnase“, erwidert sie und wendet mich wie einen Pfannkuchen, so dass ich meine Mutter sehen kann, die mit einem fremden Typen redet. Während des Abiballprogramms war er jedenfalls noch nicht da. Er muss in den letzten Minuten gekommen sein.

„Keine Ahnung“, sage ich und drehe mich wieder um. Die Barfrau scheint sich inzwischen erinnert zu haben, dass ich der einzige Dummkopf bin, der ein Event wie dieses nüchtern erleben will. Ich nehme das Colaglas und trinke es halbleer.
„Sie scheint auf ihn zu stehen“, lallt Emily und hakt sich bei mir unter, während wir zum Büffet laufen, das quer an der Wand aufgebaut wurde und damit etwas weiter entfernt vom DJ-Pult steht. Bis auf ein paar gefüllte Eier und trockene Brotscheiben sind nur noch Reste der Aufläufe und Soßen übrig. Ich schiebe mir ein gefülltes Ei in den Mund, Emily nuckelt an einer Scheibe Brot. Gut für sie.

„Soll sie doch.“ Und als hätten wir ihren Namen ein paar Mal zu oft gesagt, legt mir meine Mutter plötzlich eine Hand auf die Schulter. Ich drehe mich zu ihr. Sie trägt ein dunkelblaues langes Kleid und hat ihre blonden kurzen Haare ein wenig hochfrisiert. Neben ihr steht der alte Sack. Er sieht aus, wie jeder Mann bei so einer Veranstaltung aussieht: Schwarzer Anzug, Krawatte, weißes Hemd.
„Effi, das ist Innstetten“, stellt meine Mutter ihn vor.
Er reicht mir seine Hand. Ich gebe ihm meine.
„Wir sind . . . alte Freunde.“
Ich hebe eine Augenbraue. Offensichtlicher ging es ja nicht. „Aha“, sage ich und ziehe meine Hand wieder zurück, nachdem wir einander ausführlich die Hände geschüttelt haben. Meine Mutter lächelt immer noch, als würde bei ihr irgendwas festhängen. „Ich hol euch mal was zu trinken, oder?“ Ich will gerade sagen, dass sie dann in fünf Stunden nicht zurück wäre, aber da ist sie schon davongerauscht. Innstetten vor mir zuckt lächelnd die Schultern. Emily hinter mir scheint, den Geräuschen nach zu urteilen, das Büffet leerzuräumen.

Ich verschränke die Arme, während Innstetten seine Hände in die Anzughosentaschen steckt. Er ist nicht hässlich. Er scheint so alt wie meine Mutter zu sein, weswegen an seinen Schläfen und auf seiner Stirn ein paar Fältchen zu sehen sind. Er hat seine kurzen braunen Haare ähnlich frisiert wie meine Mutter.
„Du siehst sehr hübsch aus. Viel hübscher als deine Mitschülerinnen“, sagt er und macht eine weitschweifende Geste durch die Halle. Hübsch ist ja auch ein Adjektiv, das deren Kleidungsstil nicht unbedingt passend beschreibt.
„Danke“, sage ich und spähe nach meiner Mutter. Sie steht zwischen Dutzenden durstigen Abiturienten.

„Und? Was hast du vor mit deiner Zukunft?“
Immer dieselbe 0815-Frage. Ich zucke die Schultern.
„Ich will die Welt sehen. Hauptsache weg vom Dorf.“

Innstetten lacht. „Das kann ich verstehen. Dank meines Jobs sehe ich sehr viel von der Welt. Ich komme auch vom Dorf und würde mein jetziges Leben nicht mehr dagegen eintauschen wollen.“
„So?“, frage ich, und etwas in mir scheint sich tatsächlich für das zu interessieren, was Innstetten erzählt.

Innstetten nickt. „Wenn du willst, kannst du mich sehr gerne mal begleiten. Demnächst muss ich wieder nach Berlin. Es ist zwar nicht das andere Ende der Welt, aber ein Anfang, nicht wahr?“

Ich lächle. Berlin. Das wäre definitiv das genaue Gegenteil des langweiligen Dorflebens, dem ich hier mein bisheriges Leben lang ausgesetzt war. „Sehr gerne“, erwidere ich und kann kaum glauben, dass diese Antwort ernst gemeint war.

Patricia

 

„Selbst wir kamen langsam in der heutigen Zeit an“

Die laute, penetrante Musik verursachte bei mir starke Kopfschmerzen. Ich konnte Elektro noch nie leiden. Das würde sich jetzt auch nicht mehr ändern. Unsere Sporthalle war gut gefüllt. Es war die halbe Schule da, mit Familie. Die Jungs trugen alle schwarze Anzüge mit weißem Hemd und Schlips. Die meisten von meinen Mitschülerinnen trugen enge Kleider, die viel Haut zeigten. Vor ein paar Jahren wäre das bei uns noch eine Unmöglichkeit gewesen. Aber selbst wir kamen langsam in der heutigen Zeit an. Ich stach ganz schön aus der Masse heraus. Ich trug ein dunkelgrünes Kleid, das bis zum Boden reichte und locker an meinem Körper anlag. Noch dazu war ich die einzige, die keinen Alkohol trank. Mindestens die Hälfte der Leute hier war schon betrunken. Es gab auch welche, die in der Ecke lagen.

Ich wusste gleich, dass das Ganze nicht gut enden würde.

Ich schaute mich um und sah meine Mom mit ihren Ex-Freund Innstetten an der Bar stehen. Er hatte vor einer Woche mit ihr Schluss gemacht. Sie war total fertig, hatte ihn jedoch zu meinem Abiball eingeladen, weil sie nochmal versuchen wollte ihm näher zu kommen. Klappte offensichtlich nicht so gut.  Als er bemerkte, dass ich zu ihm sah, sagte er etwas zu meiner Mom und kam mit zwei Getränken in der Hand auf mich zu. Ein Glas drückte er mir in die Hand und trank einen Schluck aus dem anderen.

„Wie gefällt’s dir, Süße?“ fragte er mich lächelnd. Einen Moment lang wollte ich ihn anlügen und sagen ich fände es toll, aber er kannte mich mittlerweile so gut, dass er sofort wissen würde, dass ich log.
„Willst du die Wahrheit wissen? Ich mag die Musik nicht, mit 90 Prozent der Leute hier hab ich nichts zu tun und ich frage mich, wann ich endlich aus diesem Kaff rauskomme.“

Ich merkte, wie sich ein weiteres Lächeln über das Gesicht von Innstetten schlich. Ich konnte gut verstehen, dass meine Mom ihn liebte. Wenn er lächelte, war er echt süß. Wenn er nicht so alt wäre, könnte ich mich glatt in verlieben.

„Ich kann dich gut verstehen. Als ich so alt war wie du, habe ich mich auch nach nichts mehr gesehnt, als die Welt zu entdecken. Aber glaube mir, irgendwann erkennst du, dass du nur an einem Ort zu Hause bist und du da auch nicht mehr weg willst.“ Ich dachte einen Moment lang darüber nach, aber blieb dennoch bei dem Entschluss, dass ich die große, weite Welt entdecken wollte. „Hör mal“, fuhr er fort, „ich werde demnächst nach Berlin ziehen, weil ich befördert werde und von dort einfach besser arbeiten kann. Ich wollte dich fragen, ob du mitkommen möchtest, jetzt, da du mit der Schule fertig bist.“ Ich überlegte nicht lange. Das war meine Chance! Berlin ist nicht das andere Ende der Welt, aber zumindest schonmal ein Anfang. „Klar, gerne“, lächelte ich. Innstetten lächelte zurück und fragte mich, ob ich tanzen wollte. Wir stellten unsere Getränke auf den Tisch neben uns und gingen zur Tanzfläche. Wir bewegten uns zur Musik und Innstetten kam mir zum ersten Mal richtig nah. Ich sah meine Mom an der Bar. Sie schüttete sich einen weiteren Drink in den Hals. Ich wollte gar nicht wissen, wie viele Promille sie schon hatte.

Innstetten kam mir immer näher und bevor ich es realisieren konnte, küsste er mich. Das war der Moment, in dem ich bemerkte, dass er mehr von mir wollte.

Lara

 

„Ich hatte nicht vor, Innstetten zu heiraten, sondern ihn zu benutzen.“

Zufrieden bemerkte ich, wie die Spitzen meines Kleides bei jeder Bewegung durch den Raum schwebten, als würden sie tatsächlich frei fliegen und nicht zu mir gehören. Es war genau wie ich es mir vorgestellt hatte. Dennoch war ich nicht zufrieden. Ab heute sollte mein Leben beginnen. Das Abenteuer, auf das ich seit Jahren wartete.

Wieso kam es mir so vor, als hätte sich nichts verändert? Müsste ich mich nicht anders fühlen?

Während ich die Arme über den Kopf hob und meine Hüften im Takt der Musik bewegte, warf ich einen Blick zu Innstetten. Er stand am Rand der Tanzfläche und beobachtete mich.

Vielleicht sollte ich doch auf sein Angebot eingehen, vielleicht könnte er mein Abenteuer werden. Immerhin war er der Freifahrtschein in eine neue Stadt.

Hatte ich nicht genau das immer gewollt? Weg von hier?

Zugegeben, er war langweilig. Außerdem war es merkwürdig, dass er sich ausgerechnet mich aussuchte, wo er doch vor Jahren mit meiner Mutter geschlafen hatte. Wollte ich diesen alten Typen überhaupt?

Mein Blick wanderte weiter. In der tanzenden Menge entdeckte ich Phil Coldwell. Gutaussehend, sportlich und vor allem in meinem Alter. Ich sollte ihn wollen. Er würde nicht nein sagen. Auf der anderen Seite würde ich mit Phil Coldwell nicht mal in den Nachbarort kommen. Sein Leben war für die Firma seines Vaters bestimmt.

Nein.

Was spielte es schon für eine Rolle, wie alt jemand war, wir lebten in einer modernen Gesellschaft. Und außerdem hatte ich nicht vor Innstetten zu heiraten, sondern ihn nur zu benutzen. Kessin war allenfalls besser als Hohen-Cremmen. Hauptsache ich kam raus aus diesem Kaff und konnte endlich die Welt sehen. Ich setzte ein strahlendes Lächeln auf, vollführte eine perfekte Drehung und ging auf den Mann zu, der mir hoffentlich ein Abenteuer schenken würde.

Jette

Fotos: privat (4) / flickr

2 Gedanken zu „„Ich will die Welt sehen. Hauptsache weg vom Dorf.““

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