An die Arbeit

Sommerfrisch und leselaunig

Zweifelsohne eine Bühne, die Theodor Fontane wohlwollend abgenickt – wenn nicht selbst erklommen hätte! Sommerlauer Wind, schattenspendende Weiden, ein samtrotes Sofa auf einer Bühne am See. So präsentierte sich eff.i19 auf dem Musikfest „Ein weites Feld“ in Liebenberg (Oberhavel). Für die Gruppe aus Cottbus ist die Arbeit am Coming of age ihrer Titelheldin noch nicht beendet, zumal Effi in Kürze mit ihrem Vergangenheits-Ich Zwiesprache halten wird. Theodor Fontane muss jetzt stark sein, gemeint ist nicht seine Originalvorlage, sondern die Interpretation „Effi liest“ der Freiburger Autorin Anna Moretti. Ob das Buch der kritischen Lektüre der Jugendlichen standhält?

An die Arbeit

Ein Abstecher zu „Irrungen, Wirrungen“ und Halbwahrheiten

Die  Arbeit der Schreib-Teams an den fünf Manuskript-Abschnitten der neuen, modernen eff.i19 ist beendet. Ihren Weg hat Effi längst noch nicht gefunden, aber eingeschlagen. Statt eines weiten Felds findet sie in England im Garten ihres Onkels eine Metapher für das Leben. Bestehend aus Irrwegen verletzter Gefühle, Wüsten, akkurat geregelten Pflanzungen, die Erfolge kennzeichnen, und langlebigen Koikarpfen. Die Beobachtungen unseres Cottbuser Teams ziehen eine Klammer um das, was eff.i19 zeigt: Es gibt für junge Menschen heutzutage nicht mehr den einen, vorgegebenen Lebensweg. Es gibt viel Wildwuchs, Abschnittwechsel, bis zur schrebergartenesken Ordnung. Alles gehört dazu, es liegt am Weg. Unterwegs sein lohnt sich. Denn die Erwachsenen haben auch mal jung angefangen!

Effi bog in eine sich endlos vor ihr erstreckende Allee ein. Ein sanfter Wind fuhr durch die Blätter der riesigen Bäume und ließ sie leise rascheln. Konzentriert und doch ein wenig unsicher, was sie erwarten würde, setzte Effi ihren Weg mit ihrem rumpelnden Rollkoffer fort. Je weiter sie ging, desto unscheinbarer wurden die Bäume um sie herum, denn hinter ihnen konnte Effi bereits den Umriss eines gewaltigen Herrenhauses erkennen. Das Grundstück war von einem hohen Zaun umgeben, an ihm war ein Schild angebracht, auf welchem man die Hausnummer lesen konnte.

Verunsichert warf Effi einen Blick auf den Zettel, auf den ihr Vater die Adresse ihres Onkels geschrieben hatte. Sie war richtig. Zögernd legte sie ihren Zeigefinger auf den Klingelknopf und drückte ihn. Durch die dicken Metallstäbe des Zauns hindurch konnte Effi beobachten, wie sich die große Flügeltür mittig des Gebäudes öffnete und ein etwas dicklicher, breit grinsender Mann heraustrat. In seiner rechten Hand hielt er einen Schlüsselbund mit vielen Schlüsseln unterschiedlichster Formen und Größen und klimperte damit herum.

„Einen Moment“, murmelte er, während er sich daran machte, das Tor aufzuschließen, „du musst Effi sein!“
Er zog einen der beiden Torflügel schwungvoll zur Seite.

„Ja“, antwortete Effi verlegen und betrat das Grundstück. Das Haus war riesig. Es hatte drei Stockwerke und war weiß verputzt. Das Dach war spitz, aufwendige Muster verzierten die Giebel. Zudem gab es viele große, aber auch kleine Fenster, an denen vereinzelt Blumenkästen hingen. Der Rasen schien frisch gemäht und links entdeckte Effi einen kleinen Springbrunnen, der ruhig vor sich hin plätscherte.

„Jetzt lerne ich dich endlich kennen!“, rief ihr Onkel. Er war an die Haustür gekommen, während Effi den Brunnen begutachtet hatte. Unsicher blickte sie ihn an.
„Na komm schon, bloß nicht so schüchtern!“ Er lachte und nahm ihr den Koffer ab.

Luisa

 

Das weite Feld als geheimer Garten

Der Garten war in fünf Abschnitte eingeteilt, die sich strahlenförming in der Mitte der Terrasse trafen. „Okay, Effi“, sprach sie sich selbst Mut zu: „Du arbeitest dich einfach von rechts nach links vorwärts.“ Ihre großen roten Gummistiefel schlackerten um ihre Jeans, während sie über die graue Terrasse auf den Garten zulief. Schnell verschwand sie zwischen den hohen Hecken des grünen Labyrinths.

Zwischen den Hecken ragten immer wieder Rosenknospen hervor, die sich durch das Grün nach oben gekämpft hatten. Während Effi sich ihren Weg durch die Pflanzenmauern suchte, zählte sie die Blüten. Und immer wieder geriet sie in Sackgassen, wo Skulpturen von Menschen standen, die aussahen, als seien sie Büchern über das Römische Reich entsprungen.

Bei Blüte 183 angelangt, hörte Effi auf einmal ein Rascheln.

Sie drückte sich an die Hecke und ihr Atem wurde schneller. Hinter der nächsten Ecke musste jemand sein.
„Effi?“, brummte jemand.
„Oliver?“ Effi ging um die Ecke und entdeckte ihren Onkel auf einer gusseisernen Parkbank. Vor ihr eröffnete sich eine kreisrunde Rasenfläche, mit einem prächtigen Springbrunnen in ihrer Mitte und Parkbänken drumherum.
„Was machst du hier?“, fragte Oliver.
Effi antwortete: „Den Garten anschauen. Cooles Labyrinth übrigens.“
Oliver stand auf: „Thank you. Weißt du was, ich werde dich begleiten. Komm mit, hier geht es lang.“

Nach einigen Minuten trafen die beiden auf die Grenze zum zweiten Gartenteil. Effi blieb kurz stehen und kratzte sich am Kopf. Vor ihr lag eine Wüste, eine Wüste mit Kakteen und Felsen, die sehr nach Ockerstein aussahen. Die Kakteen hatten viele verschiedene Formen und Farben, viele mit prachtvollen Blüten. Und die meisten von ihnen waren in abstrakten Glashäuschen, vermutlich wegen der Kälte.
„Hast du das alles aufgebaut?“, fragte Effi, während sie mit ihren Gummistiefel einen Graben in den weichen Sand zog.
„Warum fragen mich das immer alle? Es gab eine Zeit, da war ich fitter. Und zu deiner Frage: Ja. Ich habe jeden der Gärten gestaltet. Naja, außer vielleicht dem Labyrinth, das habe ich nur etwas aufpoliert“, erklärte Oliver stolz.
„Und wieso eine verdammte Wüste? Und das hier?“ Sie tippte mit ihren Fingernägeln an ein Glashäuschen, das wie eine Pyramide aussah.
„Nun Lady Effi, jeder Teil dieses Gartens erinnert mich an einen Teil meines Lebens,“ antwortete Effis Onkel.
„Und was soll bitte ein Labyrinth darstellen? Die Suche nach einem College?“ Effi ging zum nächsten Glashäuschen. „An meine Kindheit“, erklärte Oliver als wäre das vollkommen selbstverständlich.

„Und diese Wüste, die wie die Kulisse eines Wild-West-Streifen aussieht?“ Nun war Effi aber neugierig.
„An Vegas.“ Wieder die scheinbare Selbstverständlichkeit in der Stimme ihres Onkels.
„Vegas?“ Er hatte es tatsächlich geschafft, sie zu überraschen.
„Las Vegas“, half Oliver aus
„Was hast du da so gemacht?“ Effi ging zum nächsten Glaskasten und betrachtete einen besonders schönen Kaktus.
„Carnegiea gigantea“, sagte Oliver.
„Was?“, fragte Effi.
„Der Kaktus,  Carnegiea gigantea, so heißt er“, erklärte Effis Onkel.

„Und was war mit Las Vegas?“, hakte Effi nach.

„Ach Effi, hör auf in der Vergangenheit zu leben. Be happy. Lass uns weiter gehen“, lenkte Oliver ab und ging weiter. Effi sah ihm nach. Für so einen kleinen Mann, mit so kurzen Beinen, konnte er erstaunlich schnell laufen. Langsam folgte sie ihm. Oliver stand bereits in der Mitte des dritten Gartens, auf einer Wegkreuzung.
„Das ist die Mitte.“
Er bereitete demonstrativ die Arme aus. Die Kreuzung auf der die zwei standen, war umringt von roten und weißen Rosen. Am Ende des Weges stand ein kleiner Teepavillon. „Ich denke, das ist die Englische Gartenbaukunst“, riet Effi. „Right young Lady! Und erkennst du vielleicht noch etwas? Etwas mit den Rosen?“
Sie drehte sich im Kreis. Die roten Rosen waren die Kreuzung entlang gepflanzt und wie ein X legten sich dann noch zwei Reihen der weißen Rosen darüber.
„Die Englische Flagge?“ Effi war sich nicht hundertprozentig sicher.
Oliver strahlte: „Richtig. Ist das nicht romantisch mit den ganzen Rosen?“

„Schon“, murmelte Effi. „Warte, lass mich raten, du verbindest mit diesem Garten eine Frau?“

Olivers Blick wurde abwesend. „Sybill, die Mutter von Jerry, die Frau meines Herzens. Ja. Ich war so verliebt, so unglaublich verliebt. Ja, ja über beide Ohren. Und sie hat mich genommen, obwohl ich so arm war wie eine Kirchenmaus. Ja sogar das Haus verpfänden musste. Doch sie ist bei mir geblieben.“

„Du hattest kein Geld mehr?“ Effi hatte vollkommen den Faden verloren.
Oliver schüttelte den Kopf. „Effi, Geld ist doch nicht wichtig. Hauptsache, die Liebe ist da. Nicht wahr?“

„Schon“, murmelte Effi, „aber du . . .“ Sie wurde unterbrochen. „Genau Effi, nur die Liebe zählt und jetzt komm, bevor wir noch Wurzeln schlagen.“ Wieder war der kleine Mann weg. Effi folgte ihm grübelnd. Immer diese Halbwahrheiten.

Von ihren Eltern hatte sie auch immer Ausflüchte gehört, wenn ihnen das Thema nicht passte. Und dann ein: „Dafür bist du noch zu jung, Effi.“

Effi starrte im Gehen auf den Boden und stockte erst, als der Rasen zu kleinen Kieselsteinen wurde und der Weg zu runden Steinplatten. Als sie den Kopf hob, stand sie in einem Zen-Garten. Das Geräusch von sich bewegendem Wasser drang an ihre Ohren. Oliver stand auf einer kleinen Brücke, welche sich über einen Koi-Teich erstreckte. Überall standen Bonsai, roter Ahorn oder Kirschbäume, die leider keine Blüten trugen. Das Wasser schlug kleine Wellen, als sich die Kois darunter bewegten. „Sehr ruhig hier, schön friedlich“, sagte Effi dann endlich und stellte sich neben ihren Onkel an das kleine Holzgeländer. Sie ließ ein Blatt ins Wasser fallen und die Kois stürzten sich darauf.

„Darf ich fragen, woher die Inspiration zu diesem Garten kommt?“ Effi ließ ein zweites Blatt fallen und beobachtete, wie sich Kreise auf der Wasseroberfläche ausbreiteten, nur um von den Kois wieder zerstört zu werden.

„Erfolgreiche Geschäfte im Osten und am Aktienmarkt. In dieser Zeit fand ich meinen inneren Frieden. Alles war perfekt, ich war – glücklich.“ Das letzte Wort ließ sich Oliver auf der Zunge zergehen, wie etwas Besonderes.
„Also lief es dann besser und du warst nicht mehr pleite?“
„Ach Effi, Geld ist eine Nebensächlichkeit, die Beziehungen, die bringen dich weiter.“ Oliver löste sich vom Anblick der Fische und lief erneut von Effi weg. „Wir kommen zum Ende“, seufzte er und öffnete ein altes grünes Gartentor. Es offenbarte einen kleinen Schrebergarten mit Gartenhäuschen und kleiner Holztrasse mit Schaukelstuhl.
„Schön hier, erstaunlich normal“, stellte Effi fest und sah über die Blumen und Gemüsebeete. „Die Sonne brach sich in den Apfelbäumen. Oliver ließ sich auf den Schaukelstuhl fallen.

„Und das ist das Ende, normal halt“, brummte er.

„Bereust du etwas in deinem Leben? Vegas vielleicht?“, fragte sie.

Das Rot des Sonnenuntergangs stimmte sie tiefgründig. „Ach Effi!“, seufzte ihr Onkel. „Es ist ein so weites Feld.“

Tamina

Fotos: flickr

An die Arbeit

Ulmus minor: Mit Latein gegen Eltern-Blabla

Ebenfalls angekommen. Im englischen Dartford nimmt Effi das riesige Haus ihres Onkels in Augenschein – und landet bei einer Entdeckung, die genausowenig ins Bild zu passen scheint, wie sie selbst.

Effi ließ ihre Beine die Halfpipe hinunterbaumeln. Sie wippte mit den Füßen, tippte mit den Spitzen ihrer Turnschuhe auf das Holz. Eine Halfpipe, die mitten in einem leeren Saal stand, wie ein Monstrum aus der Gegenwart, vollkommen fehl am Platz. Es war kein Ton aus dem Haus zu hören, auch nicht von der Straße. Der Saal war wie ein Überbleibsel aus dem 18. Jahrhundert und Effi war mitsamt der Halfpipe implantiert worden.

Sie ließ die Hände an der Kante entlang gleiten. Eine dünne Staubschicht blieb auf ihren Fingerkuppen zurück. Sie betrachtete ihre Hände und zerrieb den Dreck zwischen den Fingern, bis er hinabrieselte. Nun war sie also in England und hatte ihren Onkel kennengelernt. Als sie aus dem Fenster blickte, erkannte sie den riesigen Garten wieder, den sie schon bei ihrer Ankunft gesehen hatte. Allerdings hätte sie deutlich mehr sehen können, würde nicht ein Baum die halbe Sicht versperren: Eine Ulmus minor. Ihre Eltern hatten sich oft beschwert, wenn sie mit ihnen durch die Straßen gelaufen war und die lateinischen Namen der Bäume aufsagte. Sie wollten sie lieber für die Baustile in den Städten begeistern. Ob ihr Onkel das auch so sehen würde?
Wenn sie mit ihm morgen durch die Stadt spazierte, würde sie ebenfalls lauthals die Namen der Bäume aufzählen, nahm sich Effi vor. Nicht, um anzugeben oder weil es sie immer noch besonders interessierte. Sie wollte einfach nur wissen, was er antwortete. Ob es ihm auch wichtiger war, die Epoche seines Hauses zu kennen und damit Leute zu langweilen, als die Natur oder das Stadtbild an sich zu betrachten. Renaissance, Klassizismus, Barock oder wie die Baustile nicht alle hießen – am Ende hieß das doch nur, dass Leute zu einer Zeit ein Gebäude errichtet hatten. Das hatte ja nicht mal was mit historischen Ereignissen wie Kriegen oder Revolutionen zu tun. Menschen hatten immer Häuser gebaut. Manche Gebäude standen eben noch, andere nicht. Eigentlich war es ihr auch ziemlich egal, wie die Ulme auf Lateinisch hieß, sie brauchte ein Mittel gegen das Blabla ihrer Eltern. Latein war für Effi eine gute Wahl gewesen.

Sie sprang von der Halfpipe ab und so weit wie sie konnte, doch knickte sie dabei mit dem Fußknöchel um. Sie zischte Luft durch die Zähne und rieb sich den schmerzenden Knöchel. Nach einigen Sekunden erlosch der Blitz aber, der durch ihr Bein geschossen war.

Unglaublich. Sie war in England und regte sich über ihre Eltern auf. Als ob sie ihr kilometerweit gefolgt wären.

Aber das war das Problem: Egal, wie weit Effi verreisen würde, sie behielt denselben Kopf und somit die Gedanken an ihre Kindheit. Da machte es keinen Unterschied, ob sie sich in Dartford auf einer Halfpipe setzte. Vielleicht würde es leichter werden, wenn sie Oliver besser kannte. Ihr Onkel wirkte eigentlich ganz cool, wie er so ausschweifend mit den Händen erzählte und ihr sofort das ganze Haus hatte zeigen wollen, was Effi nach der anstrengenden Reise ein wenig überrumpelt hatte. Deswegen war sie in den Saal gegangen und Oliver in einem der anderen Räume verschwunden. Sie war vorhin kurz aufgestanden, um ihn zu suchen, doch der Flur hatte zu viele Zimmer und es war zu still, also hatte sie schnell wieder den Holzbogen erklommen. Oliver hatte erwähnt, dass er die Halfpipe für seinen Sohn errichten ließ. Wenn der mal vorbeikommen würde, könnte es doch ganz spaßig werden!

Plötzlich ertönte laute Musik. Das Lied kam ihr bekannt vor. Nun musste sie doch grinsen. Endlich konnte sie Oliver finden, sie musste nur der Musik folgen. Sie rannte auf die Saaltür zu, obwohl ihr Fuß bei jedem Schritt schmerzte, den flirrenden Tönen entgegen.

Swantje
Fotos: flickr

An die Arbeit

Destination Dartford

Effi zieht es in die Welt. Mission open space. Von Cottbus reist sie nach England, wo ein Onkel lebt und bereit ist, die Nichte bei ihrem Start ins selbstbestimmte Leben zu unterstützen. Ihr Ziel heißt Dartford. Die Abreise ist allerdings noch der leichteste Teil des neuen Lebensabschnitts, wie sich bald herausstellt.

„Bist du sicher, dass wir dich nicht doch zum Flughafen fahren sollen?“
„Ja Papa, ich schaffe das alleine, wirklich!“
„Aber ruf uns an, sobald du in England bist, damit wir uns keine Sorgen machen!“
„Ja, Mama.“
„Hast du alles dabei? Deine Jacke? Es wird kälter.“
„Ja, Mama.“

So zog Effi los, den glänzenden Rollkoffer hinter sich herziehend, das Flugticket in der Tasche. Das sollte also die Zeit ihres Lebens sein. Bis jetzt war sie eher bedrückend und einsam gewesen.

Das Kofferrollen auf dem Bürgersteig war ein lautes, monotones Rauschen. Doch die Straßenbahnhaltestelle lag nicht weit entfernt. Effi warf einen Blick auf die Anzeigetafel. Ihre Bahn kam in vier Minuten. Effi machte ihre Jacke zu. Ihre Mutter hatte Recht gehabt, es war wirklich kalt. Ob die Temperaturen in England  angenehmer waren? Seeklima und so. Effi wagte es zu bezweifeln. Da hielt die Bahn unmittelbar vor ihr. Hastig zog sie den Griff ihres Koffers heraus, wandte sich der Tür zu und drückte den Knopf neben dem mittleren Abteil.

Die Bahn war komplett überfüllt. Die Luft war stickig und warm.
„Nun machen sie sich doch nicht so breit, junge Dame, andere Leute möchten auch noch einsteigen!“ Eine etwas ältere, dicke Frau schob sich unsanft an Effi vorbei und warf ihr einen abschätzigen Blick zu. Effi ignorierte sie, zog den Koffer jedoch ein kleines Stück näher zu sich heran.

Die Türen schlossen sich, die Bahn setzte sich in Bewegung.

„Sehr geehrte Fahrgäste“, brummte auf einmal die tiefe Stimme des Fahrers aus den Lautsprechern, „aufgrund eines Zwischenfalls auf den Gleisen nahe des Marktplatzes wird diese Bahn umgeleitet. Wir bitten alle Fahrgäste, die auf dem Weg zum Bahnhof sind, auszusteigen und mit der Linie 14 um 13:25 Uhr weiterzufahren.“

13:25 Uhr! Effis Zug, der sie vom Bahnhof zum Flughafen bringen sollte, fuhr um 13:19 Uhr. Verpasste sie ihn, würde sie auch ihren Flug verpassen. Die Türen der Tram öffneten sich. Effi stieg aus in die kühle Herbstluft. Widerwillig bahnte sie sich ihren Weg zur Haltestelle der Linie 14. Wieder das Rauschen der Kofferrollen auf dem Bürgersteig. Was nun? Effi überlegte einen winzigen Moment, ob sie nicht doch ihren Vater anrufen und fragen sollte, ob er sie zum Flughafen bringt?

Nein. Sie war frei und unabhängig. Sie würde ihren Eltern beweisen, dass sie ohne deren Hilfe auskam, selbst wenn sie erst morgen in Dartford ankommen würde. Seufzend ließ sie sich auf eine Bank fallen.

Big Miss Sunshine trifft Fräulein Fontane

Lange hält es Effi nicht auf der Bank. Sie fasst einen Entschluss: Nervennahrung kaufen. Ein Supermarkt liegt am Weg. Und Dartford auch bald (wieder).

Wütend warf Effi das Eis, eine Tafel Schokolade und drei Gummibärchentüten auf das Rollband. Die Frau vor ihr drehte sich um, musterte sie, dann die Sachen auf dem Band. Effi sah ihr trotzig ins Gesicht. Die Frau schien amüsiert. Sie hatte eine große runde silberne Brille auf der Nase und ein verwaschenes T-Shirt mit einem Peace-Zeichen an. Ihr Einkauf bestand aus sieben Tüten Chips, einen Maxieimer Popcorn, drei Tafeln Schokolade, zehn Gummibärchentüten und zwei Packungen Eis.
Als sie Effis erstaunten Gesichtsausdruck sah, lächelte sie und Grübchen zeichneten sich auf ihrem schmalen Gesicht ab.
„Da staunst du, was?“

Effi wandte sich sicherheitshalber um, die Schlange war lang, doch nein, die Hippiefrau hatte mit ihr geredet.
„Also ich hab ja schon Stress, aber Sie müssen den Weltuntergang vor sich haben!“ Sie deutete auf den Einkaufsberg der Peace-Dame.
Die lächelte noch breiter.
„Was für Stress?“
„Ich habe meinen Flug verpasst, wollte eigentlich nach England, aber bevor ich das meinen Eltern beibringe, mache ich noch einen drauf.“ Sie griff ins Regal an der Kasse und warf noch eine Packung Kaubonbons auf das Band, um ihre Aussage zu betonen.
„Das ist dein Glückstag“, kam es vom Hippie vor ihr, „meine Familie und ich wollen nach heute auch England, wir haben noch Platz im Wagen. Ich heiße Sunny.“
Effi zog eine Augenbraue hoch. Eine Fremde lud sie ein, mitzufahren. In ein Land, in dem sie noch nie gewesen war.
Hatten ihre Eltern ihr nicht immer gesagt, sie dürfe nicht mit Fremden gehen?
Effi lächelte. Dann nickte sie langsam. „Gerne. Danke.“

Nachdem beide ihre Einkäufe bezahlt hatten, die Effi die Hälfte ihres Budgets gekostet hatten, gingen sie zum Auto der Hippietante. Es war ein Bus. Ein riesiger bunter Wagen. Die Seitentür war aufgezogen. Davor standen eine Frau, zwei Männer, ein Mädchen, etwa 14 Jahre alt, und ein Junge im selben Alter.
Sunny stellte den Neuzugang vor: „Das ist . . . wie ist dein Name?“
„Effi“, kam die kurze Antwort.

„Effi, wie Effi Briest bei Theodor Fontane?“
Einer der Männer, kurze braune Haare, blickte sie fragend an.
Effi zögerte, antwortete dann aber: „Ja.“
„Cool“, gab er zurück. Er schien ehrlich beeindruckt.

„Das ist Effi“, fuhr Sunny fort. „Sie kommt mit uns nach England, weil sie ihren Flug verpasst hat.“
Kurze Stille, dann zustimmendes Nicken. Niemand stellte Sunnys Entscheidung infrage.
„Sie kann neben mir sitzen, Mami“, bot das Mädchen sogar an.
„Das ist nett, Vicky“, sagte die andere Frau. Sie hatte rotes, schulterlanges Haar.
„Dann komm Effi, ich zeig dir deinen Platz.“ Vicky stieg ein, Effi kletterte ihr nach ins Innere des Wagens. Der Bus war geräumig und hatte mehrere Sitzreihen. „Die hintere ist meine, du kannst dich dazu setzen“, navigierte Vicky.

Die Rothaarige hatte derweil Effis Koffer verstaut. „Hi nochmal, ich bin Eva“, wandte sie sich an Effi und streckte ihr die Hand hin. Effi schüttelte sie. Nacheinander stellten sie sich vor. Der Junge hieß Jo, hatte sehr blaue Augen und trug wie alle Jeans und ein T-Shirt. Der Mann, der Effi auf ihren Namen angesprochen hatte, hieß George. Der zweite Mann, dessen Name Ben war, hatte blau gefärbte Haare und ein Piercing in der rechten Augenbraue. Er trug ein Beatles-T-Shirt. Sobald er sprach, wusste man, dass er aus England kam. Der Akzent war nicht zu überhören.

Zusammen verstauten sie die Vorräte, die Süßigkeiten kamen ganz nach hinten zu Effi und Vicky. Nach ein paar Minuten Fahrt, in denen sich Vicky mit Effi unterhalten und ihr von ihren Reisen rund um den Globus erzählt hatte, immer in diesem alten Bus, unterbrach sie Eva: „Schatz, kannst du mir mal das Popcorn geben.“

„Klar Mama“, antwortete Vicky und balancierte den Eimer zu ihr vor.
Effi stutze. „Ich dachte Sunny ist deine Mutter?“
„Sie ist auch meine Mutter.“
„Wie kannst du zwei Mütter haben, das ist biologisch gar nicht möglich.“
Von der vorderen Sitzreihe kam von George: „Nicht, wenn die Mütter ein Paar sind.“
Effis Lippen formten einem lautloses „oh“. In ihrem Kopf machte es klick. Eine Regenbogenfamilie.
„Und du und Ben?“, erkundigte sie sich sicherheitshalber bei George.
„Ja“, antwortete er freundlich.
Effi grinste. Vicky musterte sie: „Möchtest du aussteigen?“
„Auf keinen Fall.“

 

Effi schwimmt sie frei

Effi sprang mehr aus dem Wagen, als dass sie ausstieg. Gekonnt landete sie einen Meter vor dem Bus und breitete die Arme aus. Freiheit. Luft. Es war nicht laut an Bord der Fähre, es war eher ein Murmeln, das sich mit dem Schwappen der Wogen zu einer beruhigenden Akustik vereinte. Beruhigend für alle, nur nicht für Effis Magen, der die Gummibärchen, die sie im Auto verputzt hatte, in die See entlassen wollte.
Nach und nach kamen ihre Mitreisenden aus dem Auto.
„Du fährst nicht oft Auto, oder?“ Ben lehnte sich locker gegen den Kleinbus. Die Fähre war riesig, noch immer tummelten sich einige Menschen an Bord. Andere schliefen schon in ihren Autos, die an Deck, unter dem weiten klaren Sternenhimmel standen. Effi lehnte sich an das Geländer. George stellte sich neben sie. Nur er und Jo waren geblieben, alle anderen wollten sich auf der Fähre umsehen.

„Du bist seekrank“, stellte George fest und musterte Effi mitfühlend.
„Nein“, begann sie – und übergab sich mit einem gurgelnden Geräusch. „Ihr seid frei, Gummitierchen, grüßt die weite Welt von mir“, würgte Effi hervor, bemüht, humorvoll zu sein.
George lachte tatsächlich: „Irgendwann geht es vorbei, keine Sorge. Weiß ich aus Erfahrung.“
Effi versuchte zu lächeln.
„Effi“, fuhr er fort, „genau, das wollte ich dich die ganze Zeit schon fragen. Wieso haben dich deine Eltern so genannt? Ich bin ein großer Fontane-Fan.“
Sie sank entlang der Reling langsam Richtung Boden und setzte sich.
„Meine Eltern auch. Sie lieben seine Werke, sie sind Literaturwissenschaftler und lehren an der Universität.“
„Cool.“ George hockte sich neben sie. „Du musst eine tolle Kindheit gehabt haben. Voller Bücher und Geschichten.“
Effi musterte ihn. Seine Liebe zur Literatur war ihm anzumerken.
„Nein“, sagte sie dann bestimmt, „es gab viele Geschichten, aber meine Eltern haben die vor allem auseinandergenommen. Wenn man einer Sechsjährigen die Bedeutung von These und Antithese erklärt, statt ihr die Geschichte einfach vorzulesen, findet sie das doof.“
„Oh“, sagte ihr Reisebegleiter.
„Oh“, echote Effi, plötzlich schlechter Laune.

Da klingelte ihr Handy. Effi zuckte, dann zog sie es aus der Jackentasche. Auf dem Display stand „Home“.
„Hi“, meldete sie sich.
„Hallo Effi, wir sind es. Warum meldest du dich nicht?“, hörte sie die Stimme ihrer Mutter. Ihr Vater murmelte etwas im Hintergrund. Heuchler, dachte Effi. Die waren bestimmt überglücklich, dass sie sie los waren.
„Bist du gut angekommen?“, fragte jetzt ihr Vater.
Effi sah sich um. Angekommen. Klar. „Ja, ich bin super angekommen und warte gerade auf den nächsten Zug, der mich zu Onkel Oliver bringt. Den davor habe ich leider verpasst“, log sie.
„Oh, Effi, du und deine Unpünktlichkeit. Was wäre, wenn du den Flug verpasst hättest?“, sagte ihre Mutter.
Effi lächelte. „Es wäre absolut schrecklich gewesen, den Flug zu verpassen. Zum Glück war es nur der Zug.“

George neben ihr schwieg, aber es sah so aus, als würde er gleich lachen. Effi stieß ihm den freien Ellenbogen in die Rippen und hob den Zeigefinger an die Lippen. George nickte.
„Also Mama, Papa, wir hören voneinander. Tschüss!“, beendete sie das Gespräch und legte auf.
„So gut verstehst du dich also mit deinen Eltern“, stellte George fest.
Effi lachte. „Ja, wir sind eine picture-perfect-Familie.“

Luisa, Tamina & Henriette

Fotos: flickr

An die Arbeit

Der Moment des Side Cuts

Nachdem wir unseren Abschnitt gelesen hatten, wollten wir am liebsten gleich mit dem Schreiben beginnen. Doch schnell kamen Fragen auf: Wie wird die Effi im Jahre 2019 sein? Sollten wir eine gemeinsame Figur haben oder jede seine eigene? Wir entschieden uns, gemeinsam eine Figur zu entwickeln. Was in der Diskussion noch kompliziert klang, geschah dann fast selbstverständlich. Jede steuerte ein paar Eigenschaften und Hintergrundinformationen bei, sodass sich bald darauf ein stimmiges Bild ergab. Die gerade entstandene Effi begeisterte uns sofort. Spontan suchte sich jede von uns eine Schlüsselszene aus Effis Leben aus, die sie unbedingt schreiben wollte. Hier der nächste Beitrag des Teams aus Cottbus:

Der Bass dröhnte und warf Wellen über die tanzenden Schulabgänger. Ab und zu hörte man eine Stimme hervorstechen, die dann sowas rief wie „Scheiß Schule!“ oder es wurde betrunken „Ich liebe euch, Leute“ ins Mikro der Band gelallt. Die Stimmung war toll und die Musik laut. Effi schlug sich ihren Weg über die Tanzfläche, die dutzend Lichter, die über die bebende Menge blitzten, brachten ihr neongelbes Haar zum Leuchten. Am anderen Ende des Saals warf sie sich geschafft auf eines der dort stehenden Sofas.

„Wow, wie geil ist das hier!“ Effi nahm ihrem Klassenkameraden Finn die Bierflasche aus der Hand und leerte sie in einem Zug. Finn grinste dämlich: „Ja, total cool!“

Sofie, oder einfach S, aus der Parallelklasse bemerkte: „Effi, was hast du mit deinen Haaren gemacht?“

Finn mischte sich wieder ein: „Das sieht echt übelst nice aus.“

„Danke.“ Effi lehnte sich in das viel zu weiche Sofa. Sie schloss die Augen und fühlte den Bass wie einen Herzschlag in ihrer Brust. Es hatte etwas Beruhigendes, was einen gleichzeitig mega elektrisierte.

„Leute, wer gibt mir ein Bier, ich habe Lust zu feiern!“ Ein begeistertes Jubeln ging durch die Gruppe und man drückte Effi ein warmes Bier in die Hand. Fast feierlich hob sie die Flasche, worauf ihre Freunde die ihren dagegen schlugen. Das Glas der Flaschen klirrte und sie tranken, dann wurde wieder getanzt, bis keiner mehr wusste, wieviel Uhr es war, da sie alle geschworen hatten, keine Uhr mitzubringen, damit sie das Gefühl haben konnten, die Party würde ewig dauern. Irgendwann hatten sie sich alle auf eines der alten Sofas gequetscht und stellten ein weiteres gegenüber, sodass jeder Platz hatte. Effi saß auf der oberen Lehne des dazugestellten Sofas. Ben, ein totaler Streber, der zu tief in die Flasche geschaut hatte, reckte theatralisch die Hände gen Hallendecke und rief: „Zukunft!“

Schlagartig wurde es still.

„Also ich werde Arzt.“

Jubel brandete auf.

„Architekt“, kam es von der gegenüberliegenden Ecke des Sofas.

„Designerin!“, schrie Sofie.

Und das löste eine Welle aus, jeder schrie seinen Wunschberuf. Effi aber saß stumm da, wie geschockt. Dann packte sie ihre Jacke und ging.

Tamina

In ihrem Kopf herrschte gähnende Leere. Zwar war in den vergangenen Stunden viel passiert, doch alles war momentan unwichtig, denn das Einzige, woran sie dachte, war das kuschelig weiche Bett in ihrem Zimmer. Träge rührte sie ihren pechschwarzen Kaffee um. Das vorwurfsvolle Schweigen, welches in der Luft hing, drückte nur ansatzweise aus, wie die Spannung zwischen Effi und ihren Eltern knisterte. Ihr Vater räusperte sich und spielte nervös mit dem Teelöffel herum. Das war seine typische Art, wenn er sehr zornig war, nur nicht wusste, wie er es ausdrücken konnte.

„Tja Effi“, begann er zögernd, „du hast uns also gar nichts zu sagen?“

Effi hielt mit dem Umrühren inne und sah ihren Vater genervt an.

„Nein“, sagte sie frech und starrte wieder auf ihren Kaffee. Ihr Kopf dröhnte. Das würde der schlimmste Kater werden, den sie je hatte.

„Ich glaube schon“, zischte ihre Mutter mit eisiger Stimme. Ihr Hals war mit roten Flecken übersät. „Was zum Teufel hast du mit deinen Haaren angestellt!? Bist du völlig irre geworden? Was sollen bloß unsere Nachbarn von dir halten? Ich höre sie schon flüstern! Weißt du eigentlich, dass du schon genug Missbilligung bekommst?“
Sie hörte auf zu sprechen. Zu sehr regte sie sich auf.

„Dann kommt wenigstens etwas Farbe rein“, erwiderte Effi kühl. „Meine Haare, finde ich, passen doch super gut in unsere Spießersiedlung. Außerdem ist das nicht eure Angelegenheit. Ich bin 18! Schon vergessen?“ Ihre Mutter warf ihr einen Todesblick zu. „Wir haben nichts dagegen, wenn du dir die Haare färbst. Wir sind schließlich auch künstlerisch.“

„Genau. Hättest du was gesagt, wäre ich mit dir auch zum Friseur gegangen. Dann sähest du wenigstens nicht… so aus“, warf ihr Vater mit einem gequälten Lächeln ein.

„Ich mag meine Haare, wie sie sind, denn Side-Cuts sind cool und jetzt habe ich endlich den Mut dazu.“

Ihre Eltern sahen sich an und ihre Mutter fragte mit zusammengekniffenen Augen: „Hast du dir überhaupt mal Gedanken über deine Zukunft gemacht? Ich meine… 1,9 Abi! Damit kannst du was machen. Was hälst du von Literatur? Sie ist sehr interessant“, fing ihre Mutter an zu schwärmen.

Schwungvoll stand Effi auf. „Weißt du was? Ich habe mir noch keine Gedanken gemacht, sondern genieße erstmal das Leben.“Dann verließ sie die Küche, vergaß nicht, die Tür noch einmal heftig zum Unterstreichen ihrer Worte zuzuknallen.

Henriette

Die schwere Holztür knarrte leise, als Effi sie öffnete. Sofort zog sie ihre Stiefel aus und warf sie in eine Ecke neben ihrem Schreibtisch. Auf ihm befanden sich ausschließlich ein bunt beklebter Laptop, ein Notizbuch und ein kleines Glas mit zwei Bleistiften und einem Kugelschreiber darin. Die vielen Schubladen daneben hatte sie nie gebraucht. Sie besaß einfach nichts, wofür man sie nutzen könnte und so blieben sie leer. Dabei boten sie so viel Stauraum für verschiedenste Dinge, die nur sie etwas angingen und außerdem mochte Effi das Geräusch, wenn man sie auf- und zuzog. Auch die beiden Regale über dem Schreibtisch waren beinahe leer. Es lagen nur ein paar Quittungen darauf, die sie nie entsorgt hatte. Effi setzte auf Minimalismus, es war einfach so viel praktischer. Außerdem besaß sie so nicht viele Dinge, an die sie denken oder um die sie sich sorgen musste.

Das Bett schien frisch bezogen zu sein. Wahrscheinlich hatte es ihre Mutter nicht mehr mit ansehen können und Effis Lieblingsbezüge nach langer Diskussion doch selbst gewaschen. Alles in allem wirkte das Zimmer eher befremdlich und Effi sah es schon lange nicht mehr als ihren Rückzugsort an. Bei ihren Freunden fühlte sie sich zu Hause. Doch hier geisterten nur ihre aufgedrehten Eltern herum, die ihr sowieso nur alles ausreden und verbieten wollten. Nein, das hier war nicht ihr Zuhause.

Mit einem lauten Seufzen ließ sie sich auf ihr Bett fallen und schloss für einen Moment die Augen.

Luisa

Sie schwenkte ihr Sektglas und beobachtete das Licht, wie es sich darin spiegelte und auf die weißen Fliesen tanzende Punkte warf. In einem Schluck trank sie das Glas leer und stellte es auf einem Stuhl ab, von dem sich gerade ein älterer Herr erhoben hatte. Dann drehte sie sich fort und hörte das Glas auf den Boden scheppern, lief jedoch weiter, als wäre sie an diesem Geschehen völlig unbeteiligt gewesen. Ihre roten Lackpumps gaben ein Klacken von sich, als sie über die Fliesen trat und dabei dramatisch mit den Hüften wackelte und allen zuwinkte, die sie dabei irritiert anstarrten. Sie gesellte sich zu einem Pärchen. Die beiden hielten sich an der Taille, als würden sie sonst auseinander fallen. Sie standen vor einem Gemälde, das so aussah, als hätte jemand einen Faden in rote Farbe getunkt und dann auf das weiße Papier geworfen. Das Pärchen unterhielt sich angeregt, sie gestikulierten mit ihren freien Händen und sahen dabei so angestrengt und konzentriert aus, als hätten sie ihre zärtliche Geste vergessen. Ihr Gebrabbel wurde langsam zu der absurden Interpretation, dass der rote Faden eine Ader wäre, eine Arterie, der Fluss des Lebens und Blut würde einen quasi anspritzen, wenn man das Gemälde ansehe.

„In der Tat“, sagte auf einmal Effi und sofort beendeten die beiden ihr Gespräch und schauten zu ihr, „Ich kann es förmlich spüren, wie mir ein Vampir das Blut aus den Adern saugt und dann mitten ins Gesicht spuckt.“

Der Mann und die Frau starrten sie an.

„Ungefähr so.“ Sie sog die Luft ein, gab ein Geräusch von sich, als würde sie Rotz hochziehen und tat so, als würde sie auf das Bild spucken.
Die Frau neben ihr hielt sich die freie Hand auf die Brust und ächzte, doch sie seufzte, als die erwarteten Spucketropfen ausblieben.

„Spüren Sie es auch?!“, fragte Effi.
„Nun… eine sehr gewagte Interpretation…“, sagte der Mann.
„. . . und dann noch so ungewöhnlich dargestellt“, sagte die Frau.
„Jaja, ungewöhnlich und gewagt sind mein zweiter und dritter Vorname!“
„Aha.“
„Na dann, auf Wiedersehen. Es war angenehm, Sie kennenzulernen.“

Effi stolzierte weiter und entdeckte ihre Eltern im Getümmel. Sie zog leicht am Jackettärmel ihres Vaters.

„Guten Tag, Herr Papa“, sagte sie.
„Benimmst du dich auch, Effi?“, fragte er.
„Aber natürlich. Immer doch.“

Swantje

Fotos: privat (1) / flickr

An die Arbeit

Sag’s mit Fontane: Willkommen, Effi!

Wie eine Fremdsprache lasen wir die ersten Worte von Effi Briest. Die langen Sätze bildeten ein verwirrendes Konstrukt, bei dem zu Anfang jeglicher Sinn fehlte. Allmählich gewöhnten wir uns an die blumige, altmodische Sprache, spätestens als Effi und ihre Mutter in der Szene auftauchten. Der quirlige Charakter des Mädchens war sofort erkennbar und weckte Sympathie für die Protagonistin. In dieser gehobenen Sprache durchlebten wir im Geist unseren alltäglichen Nachhauseweg. Wir stellten uns die Häuser, Straßen und Sinneseindrücke so genau vor, wie man es selten in der Routine wahrnimmt. So entstanden aus den wenigen Minuten von der Schule oder der Arbeit zum eigenen Zimmer ausführliche Texte. Sie schenkten den kurzen, sonst kaum beachteten Augenblicken am Tage ihren verdienten Wert.

Das unüberhörbare Knistern des Laubes flüstert mir ein leises “Willkommen zurück” ins Ohr, während ich den schmalen grauen Weg am Rande der dicht befahrenen Kreuzung entlanggehe und die Musik meines Handys deutlich lauter drehe, um die Masse an Fahrzeugen zu übertönen, die dort durch den schweren, düsteren Oktobernebel rasen. Schon bald biege ich in eine scheinbar endlose Straße, meine Straße, ein und sogleich erstreckt sich vor mir eine eintönige Masse aus weißen und pastellgelben Häusern, alle tragen sie ein rotes oder braunes Dach und haben kleine Vorgärten mit kleinen Sträuchern, hinter denen meist ein Garagentor hervorlugt. Kleine Mauern oder graue Zäune mit wiederkehrenden Mustern markieren die Grenze jedes Grundstücks und wenn man es wagt, eines der Tore zu öffnen, wird man stets auf einem sauber gepflasterten Weg direkt vor eine Haustür getragen. In diesem eintönigen Chaos aus weißen und pastellgelben Häusern finde ich schließlich auch meines. Behutsam und doch genervt von meinem bisherigen Tag öffne ich das blaugraue Tor und betrete den bereits erwähnten sauber gepflasterten Weg, der mich zu der großen, dunkelgrünen Haustür führt, in deren Schloss ich nun meinen Hausschlüssel stecke und den warmen Hausflur betrete.

Luisa

 

Quietschend kommt der Zug zum Stillstand, mit einem Rauschen öffnen sich die Türen, die Passagiere steigen aus, eine von ihnen ist ein Mädchen. Der erste Schritt auf dem Bahnsteig ist ein Schritt in die altbekannte Welt. Sie blickt um sich, betrachtet einige Reisende, die mit ihrem Gepäck hantieren. Ein grauer Bahnhof, doch sauber, leer und groß, hinaus ins Weite kann sie schauen, wenn sie dem nächsten Zug bei der Ausfahrt mit dem Blick folgt.

Sie läuft mit schnellen Schritten die Treppe hinunter, andere stolpern, sind schwermütig, doch sie stürzt fast an ihnen vorbei, so sehr sehnt sie sich nach dem Ausgang. Die Treppe endet an einem weißen Fliesenboden, weiße Wände mit Plakaten, Abfahrtsinformationen, erleuchtet mit hellen LED-Lämpchen im Glaskasten. Sie geht vorbei an diesen Plakaten, sieht den neuen Dirigenten des Staatsorchesters auf einem der Bilder, dort spielt auch eine ehemalige Schulkameradin. Sie nimmt sich vor, wenigstens einmal ein Konzert dieses Orchesters zu besuchen. In der Bahnhofshalle angekommen, wandert die Decke höher, Tageslicht strömt hinein durch Fenster und Türen, deutsch-polnische Werbung an den Seiten, dessen Werbezweck sie nicht versteht, doch allein der Fakt, dass hier die Werbung zweisprachig erscheint, schmeckt nach Heimat.

Die Türen öffnen sich für sie und sie tritt hinaus in den Abend. Die Busse halten und fahren an ihr vorbei. Sie tritt auf den gepflasterten Weg, einige Meter weiter ist der Arbeitsplatz ihres Vaters, versteckt in einem großen Haus mit einer Filmwerbetafel, die nur noch zur Hälfte funktioniert. Sie schlägt den Schleichweg ein, möchte heute nicht an der Hauptstraße entlang, sondern die Ecken und Winkel genießen. Ein hohes Denkmal sticht in den Himmel, während sie vom Bahnhofsberg hinab blickt. Vorbei an Ecken und Nischen steht eine Backsteinruine, umzäunt und verwiesen mit Warnschildern, bewachsen mit Efeu bis zum Dach, das schon bröckelt. Das ist also die Bahnhofsruine, denkt sie sich, diese Ruine nimmt sie zum ersten Mal bewusst wahr und es schließt sich der Kreis aus Erzählungen, eine Freundin von ihr hatte hier als Kind mit ihren Mitschülern gespielt, bis ein Ordnungshüter kam und sie sich verstecken mussten.

Die Straße führt steil hinab, ihre Schritte federn, rechts neben ihr eine Baustelle, auf der die Pflanzen die Macht übernehmen, auf der anderen Seite eine Häuserwand, an dessen Türklingeln selbst beschriebene und geklebte Namensschildchen hängen. Die Balkone gefüllt mit Rosen, Stiefmütterchen und Kräutern, abblätternde Farbe und Schmutzflecke als Spuren der langen Jahre. Am Ende dieser Straße steht ein neuartiges, graues Gebäude, der Dönerladen darin großflächig gepriesen. Doch sie interessiert sich nicht für die Geschäfte, sondern für das, was nach dem kleinen Einkaufsgebäude kommt – der Gertraudpark. Es ist nur eine Straße, die sie auch ohne nach links und rechts zu schauen überquert, heute zumindest, dann ist sie umgeben von Grün.

Die Kirche mit ihrer goldenen Uhr zeigt die vergangenen Minuten seit ihrer Ankunft an, die Engel und Wesen aus Stein schauen herab mit leeren, doch schönen Gesichtern. Im Park sitzen junge und alte Menschen, die alten stützen sich auf ihren Rollatoren ab, die jungen, oft Pärchen aus der Universität, unterhalten sich angeregt. Das Gras bedeckt mit bunten Blättern, das Kleistdenkmal beschmückt mit Blumen und nach all den Jahren, die sie hier verbracht hatte, die sie an diesem Denkmal vorbei gegangen war, bemerkt sie er jetzt, dass dort Heinrich von Kleist auf dem Sockel posiert. Sie biegt ein in die Lindenstraße, dort liegen kistenweise Bücher aus, das Antiquariat hat noch für eine halbe Stunde geöffnet. Sie stöbert durch die Bücher, doch anders als letzte Woche liegen dort nur Groschenromane. Sie legt das letzte Buch zurück, schlendert weiter, vorbei an der Metallstatue, eine sich nach vorne beugende Frau mit einem verschwörerischen Lächeln und hohlen Augen. Auf dem Sockel steht: „Haus der Künste“. Ja, hier war das Mädchen vor nicht langer Zeit alle zwei Wochen gewesen, ist die knarzenden Stufen hinaufgegangen, hatte sich freudestrahlend auf einen der bunten Stühle gesetzt, in einer kleinen Runde Tee getrunken, Kekse gegessen und geschrieben. Doch diese Zeit war seit einigen Monaten vorüber, sie geht weiter, wartet an den Ampeln, schaut zum Oderturm hinauf, dessen leuchtende Buchstaben in der Nacht an einer Seite nur noch „Oderurm“ zeigten. Links von ihr ist die Lenné-Passage, und zusammen mit dem Oderturm bildet sie das Zentrum der Einkaufshallen von Frankfurt Oder. Der Markt ist noch geöffnet, hier verkaufen zwei polnische Frauen Obst und Gemüse, Straßenmusikanten spielen hier, oder engagierte Menschen verteilen Flyer. Das Mädchen kennt sie alle, sie hatte oft bei den Frauen eingekauft, oft genug gesagt, sie sei noch nicht 18 und könne deshalb keinen Spendenvertrag unterschreiben. Sie hatte den Straßenmusikanten immer Geld gegeben, meist spielte ein alter Mann irische Volksmusik, neben ihm sein Hund. Er hatte gelächelt, sich bedankt und einmal sogar „Bis morgen“ gesagt.

Sie läuft schräg über den Parkplatz, um schneller nach Hause zu kommen, die Uhr der Marienkirche schlägt zur vollen Stunde, das Rathaus liegt noch vor ihr in seiner roten Backsteinpracht, doch nur wenige Meter später sieht sie den Turm des Rathauses und nicht mehr den Eingangsbereich.

Große, rechteckige Steine bilden den Fußweg, damals war sie gehüpft, um nicht die Rillen zwischen den Steinen zu betreten, heute tut sie das nicht mehr, doch sie läuft beschwingt.

Sie muss grinsen, als sie die Treppen hinaufläuft, zwei Stufen auf einmal nehmend. Sie schließt die Tür auf, ruft laut Hallo in den Wohnungsflur hinein, stürmt auf ihre Mutter zu und umarmt sie, umarmt ihren Vater, ihre Schwester. Geht in ihr Zimmer, blickt auf das Rathaus, auf die goldene Uhr, die von den letzten Strahlen des Tages reflektiert wird – das Blau geht langsam in ein Grau über, sie blickt soweit ihre Augen reichen, am Museum Viadrina vorbei, und wenn sie sich konzentriert, die Augen zusammen kneift – dann kann sie am Horizont die Oder sehen. Die Oder – nur wenige Minuten entfernt, ein stiller Fluss, Grenze und Verbindung zu einem anderen Land. Ein stiller Fluss, der durch zwei stille Städte fließt.

Swantje

 

Der Wind, der immer wieder sanft durch die Baumkronen der Bäume entlang der Karl-Liebknecht-Straße wehte, brachte die inzwischen nicht mehr ganz so vielen grünen, gelben und leicht orangefarbenen  Blätter zum Klingen, die selbst in dem Hupen und Quietschen der Autoreifen, wenn sie an der Ampel hielten, zu hören waren und den Herbst ankündigten, denn immer wieder fiel ein einzelnes Blatt auf das historische Kopfsteinpflaster und den Asphalt, wobei das noch warme Sommersonnenlicht auf die Silhouette eines Mädchens fiel, dessen offenes Haar im Sonnenschein seidig schimmerte, und das den gepflasterten Gehweg neben der viel befahrenen Straße unter den Baumkronen der Bäume, die zur Straße hin standen, mit ihrem Fahrrad, vorbei an wilhelminischen Häusern munter entlangfuhr, froh, dass die Schule zu Ende war, ab und an mit dem Rad über einen losen Stein oder eine Senkung des Gehweges wobei ihr Ranzen auf ihrem Rücken dann immer einen Hopser machte.

An der Kreuzung stand ein großes, gelbes, stuckverziertes  Mehrfamilienhaus, in dem acht Wohnungen enthalten waren und diagonal gegenüber einem etwas helleren, gelben Mehrfamilienhaus stand, das zwar von der gleichen Person erdacht worden war, aber nicht einmal annähernd so schön war wie jenes, an dessen kleinem, eingezäunten Vorgarten das Mädchen mit dem Fahrrad vorbeigefahren war und nun an der Ecke abbog, an dem ehemaligen Laden, der sich vor langer Zeit im Erdgeschoss des Hauses Nummer 65 Ecke Friedrich-Hebbel-Straße befand, vier Meter weiter langsamer wurde, in einer kleinen Senkung, welche die Auffahrt darstellte, den Fuß auf die vergitterte Tür abstellte, die mit einem ebenso vergitterten Tor verbunden war, an der rechten Seite der Tür ein verwittertes, verrostetes Schild „Privatgrundstück! Betreten verboten!“  Das Mädchen, ihr Name war übrigens Henriette, stieß mit einer Hand das Tor auf und fuhr in den sandigen Hof nach rechts auf den roten, gepflasterten Fahrradplatz  und galant in den Fahrradständer mit sehr viel Schwung hinein.

Nachdem Henriette ihr Fahrrad abgeschlossen hatte, zurück durch das Tor, um die Ecke herum, und an dem kleinen Vorgarten vorbei gegangen war, öffnete sie den weißen Briefkasten, nahm den Inhalt heraus und schloss die einst mit Graffiti besprühte weiß-grüne Holztür auf, trat dann in den kühlen Flur ein, dessen Wände mit dunkelgrüner Farbe bestrichen war, ging ein paar Meter weiter, um dann eine doppelseitige Schwingtür aufzustoßen und die Treppe in den ersten Stock hinauf, um die linke Wohnungstür zu nehmen, welche sie aufschloss und die Wohnung betrat, ihre Mappe auf die große Truhe neben der Tür stellte, in die Küche ging, den Tiefkühlschrank öffnete, sich aus der untersten Schublade eine Schokoeistüte nahm, die Verpackung entfernte und freudig genoss, wie das wohltuende, kühle Eis auf ihrer Zunge zerschmolz.

Henriette

Fotos: flickr