An die Arbeit

Der Moment des Side Cuts

Nachdem wir unseren Abschnitt gelesen hatten, wollten wir am liebsten gleich mit dem Schreiben beginnen. Doch schnell kamen Fragen auf: Wie wird die Effi im Jahre 2019 sein? Sollten wir eine gemeinsame Figur haben oder jede seine eigene? Wir entschieden uns, gemeinsam eine Figur zu entwickeln. Was in der Diskussion noch kompliziert klang, geschah dann fast selbstverständlich. Jede steuerte ein paar Eigenschaften und Hintergrundinformationen bei, sodass sich bald darauf ein stimmiges Bild ergab. Die gerade entstandene Effi begeisterte uns sofort. Spontan suchte sich jede von uns eine Schlüsselszene aus Effis Leben aus, die sie unbedingt schreiben wollte. Hier der nächste Beitrag des Teams aus Cottbus:

Der Bass dröhnte und warf Wellen über die tanzenden Schulabgänger. Ab und zu hörte man eine Stimme hervorstechen, die dann sowas rief wie „Scheiß Schule!“ oder es wurde betrunken „Ich liebe euch, Leute“ ins Mikro der Band gelallt. Die Stimmung war toll und die Musik laut. Effi schlug sich ihren Weg über die Tanzfläche, die dutzend Lichter, die über die bebende Menge blitzten, brachten ihr neongelbes Haar zum Leuchten. Am anderen Ende des Saals warf sie sich geschafft auf eines der dort stehenden Sofas.

„Wow, wie geil ist das hier!“ Effi nahm ihrem Klassenkameraden Finn die Bierflasche aus der Hand und leerte sie in einem Zug. Finn grinste dämlich: „Ja, total cool!“

Sofie, oder einfach S, aus der Parallelklasse bemerkte: „Effi, was hast du mit deinen Haaren gemacht?“

Finn mischte sich wieder ein: „Das sieht echt übelst nice aus.“

„Danke.“ Effi lehnte sich in das viel zu weiche Sofa. Sie schloss die Augen und fühlte den Bass wie einen Herzschlag in ihrer Brust. Es hatte etwas Beruhigendes, was einen gleichzeitig mega elektrisierte.

„Leute, wer gibt mir ein Bier, ich habe Lust zu feiern!“ Ein begeistertes Jubeln ging durch die Gruppe und man drückte Effi ein warmes Bier in die Hand. Fast feierlich hob sie die Flasche, worauf ihre Freunde die ihren dagegen schlugen. Das Glas der Flaschen klirrte und sie tranken, dann wurde wieder getanzt, bis keiner mehr wusste, wieviel Uhr es war, da sie alle geschworen hatten, keine Uhr mitzubringen, damit sie das Gefühl haben konnten, die Party würde ewig dauern. Irgendwann hatten sie sich alle auf eines der alten Sofas gequetscht und stellten ein weiteres gegenüber, sodass jeder Platz hatte. Effi saß auf der oberen Lehne des dazugestellten Sofas. Ben, ein totaler Streber, der zu tief in die Flasche geschaut hatte, reckte theatralisch die Hände gen Hallendecke und rief: „Zukunft!“

Schlagartig wurde es still.

„Also ich werde Arzt.“

Jubel brandete auf.

„Architekt“, kam es von der gegenüberliegenden Ecke des Sofas.

„Designerin!“, schrie Sofie.

Und das löste eine Welle aus, jeder schrie seinen Wunschberuf. Effi aber saß stumm da, wie geschockt. Dann packte sie ihre Jacke und ging.

Tamina

In ihrem Kopf herrschte gähnende Leere. Zwar war in den vergangenen Stunden viel passiert, doch alles war momentan unwichtig, denn das Einzige, woran sie dachte, war das kuschelig weiche Bett in ihrem Zimmer. Träge rührte sie ihren pechschwarzen Kaffee um. Das vorwurfsvolle Schweigen, welches in der Luft hing, drückte nur ansatzweise aus, wie die Spannung zwischen Effi und ihren Eltern knisterte. Ihr Vater räusperte sich und spielte nervös mit dem Teelöffel herum. Das war seine typische Art, wenn er sehr zornig war, nur nicht wusste, wie er es ausdrücken konnte.

„Tja Effi“, begann er zögernd, „du hast uns also gar nichts zu sagen?“

Effi hielt mit dem Umrühren inne und sah ihren Vater genervt an.

„Nein“, sagte sie frech und starrte wieder auf ihren Kaffee. Ihr Kopf dröhnte. Das würde der schlimmste Kater werden, den sie je hatte.

„Ich glaube schon“, zischte ihre Mutter mit eisiger Stimme. Ihr Hals war mit roten Flecken übersät. „Was zum Teufel hast du mit deinen Haaren angestellt!? Bist du völlig irre geworden? Was sollen bloß unsere Nachbarn von dir halten? Ich höre sie schon flüstern! Weißt du eigentlich, dass du schon genug Missbilligung bekommst?“
Sie hörte auf zu sprechen. Zu sehr regte sie sich auf.

„Dann kommt wenigstens etwas Farbe rein“, erwiderte Effi kühl. „Meine Haare, finde ich, passen doch super gut in unsere Spießersiedlung. Außerdem ist das nicht eure Angelegenheit. Ich bin 18! Schon vergessen?“ Ihre Mutter warf ihr einen Todesblick zu. „Wir haben nichts dagegen, wenn du dir die Haare färbst. Wir sind schließlich auch künstlerisch.“

„Genau. Hättest du was gesagt, wäre ich mit dir auch zum Friseur gegangen. Dann sähest du wenigstens nicht… so aus“, warf ihr Vater mit einem gequälten Lächeln ein.

„Ich mag meine Haare, wie sie sind, denn Side-Cuts sind cool und jetzt habe ich endlich den Mut dazu.“

Ihre Eltern sahen sich an und ihre Mutter fragte mit zusammengekniffenen Augen: „Hast du dir überhaupt mal Gedanken über deine Zukunft gemacht? Ich meine… 1,9 Abi! Damit kannst du was machen. Was hälst du von Literatur? Sie ist sehr interessant“, fing ihre Mutter an zu schwärmen.

Schwungvoll stand Effi auf. „Weißt du was? Ich habe mir noch keine Gedanken gemacht, sondern genieße erstmal das Leben.“Dann verließ sie die Küche, vergaß nicht, die Tür noch einmal heftig zum Unterstreichen ihrer Worte zuzuknallen.

Henriette

Die schwere Holztür knarrte leise, als Effi sie öffnete. Sofort zog sie ihre Stiefel aus und warf sie in eine Ecke neben ihrem Schreibtisch. Auf ihm befanden sich ausschließlich ein bunt beklebter Laptop, ein Notizbuch und ein kleines Glas mit zwei Bleistiften und einem Kugelschreiber darin. Die vielen Schubladen daneben hatte sie nie gebraucht. Sie besaß einfach nichts, wofür man sie nutzen könnte und so blieben sie leer. Dabei boten sie so viel Stauraum für verschiedenste Dinge, die nur sie etwas angingen und außerdem mochte Effi das Geräusch, wenn man sie auf- und zuzog. Auch die beiden Regale über dem Schreibtisch waren beinahe leer. Es lagen nur ein paar Quittungen darauf, die sie nie entsorgt hatte. Effi setzte auf Minimalismus, es war einfach so viel praktischer. Außerdem besaß sie so nicht viele Dinge, an die sie denken oder um die sie sich sorgen musste.

Das Bett schien frisch bezogen zu sein. Wahrscheinlich hatte es ihre Mutter nicht mehr mit ansehen können und Effis Lieblingsbezüge nach langer Diskussion doch selbst gewaschen. Alles in allem wirkte das Zimmer eher befremdlich und Effi sah es schon lange nicht mehr als ihren Rückzugsort an. Bei ihren Freunden fühlte sie sich zu Hause. Doch hier geisterten nur ihre aufgedrehten Eltern herum, die ihr sowieso nur alles ausreden und verbieten wollten. Nein, das hier war nicht ihr Zuhause.

Mit einem lauten Seufzen ließ sie sich auf ihr Bett fallen und schloss für einen Moment die Augen.

Luisa

Sie schwenkte ihr Sektglas und beobachtete das Licht, wie es sich darin spiegelte und auf die weißen Fliesen tanzende Punkte warf. In einem Schluck trank sie das Glas leer und stellte es auf einem Stuhl ab, von dem sich gerade ein älterer Herr erhoben hatte. Dann drehte sie sich fort und hörte das Glas auf den Boden scheppern, lief jedoch weiter, als wäre sie an diesem Geschehen völlig unbeteiligt gewesen. Ihre roten Lackpumps gaben ein Klacken von sich, als sie über die Fliesen trat und dabei dramatisch mit den Hüften wackelte und allen zuwinkte, die sie dabei irritiert anstarrten. Sie gesellte sich zu einem Pärchen. Die beiden hielten sich an der Taille, als würden sie sonst auseinander fallen. Sie standen vor einem Gemälde, das so aussah, als hätte jemand einen Faden in rote Farbe getunkt und dann auf das weiße Papier geworfen. Das Pärchen unterhielt sich angeregt, sie gestikulierten mit ihren freien Händen und sahen dabei so angestrengt und konzentriert aus, als hätten sie ihre zärtliche Geste vergessen. Ihr Gebrabbel wurde langsam zu der absurden Interpretation, dass der rote Faden eine Ader wäre, eine Arterie, der Fluss des Lebens und Blut würde einen quasi anspritzen, wenn man das Gemälde ansehe.

„In der Tat“, sagte auf einmal Effi und sofort beendeten die beiden ihr Gespräch und schauten zu ihr, „Ich kann es förmlich spüren, wie mir ein Vampir das Blut aus den Adern saugt und dann mitten ins Gesicht spuckt.“

Der Mann und die Frau starrten sie an.

„Ungefähr so.“ Sie sog die Luft ein, gab ein Geräusch von sich, als würde sie Rotz hochziehen und tat so, als würde sie auf das Bild spucken.
Die Frau neben ihr hielt sich die freie Hand auf die Brust und ächzte, doch sie seufzte, als die erwarteten Spucketropfen ausblieben.

„Spüren Sie es auch?!“, fragte Effi.
„Nun… eine sehr gewagte Interpretation…“, sagte der Mann.
„. . . und dann noch so ungewöhnlich dargestellt“, sagte die Frau.
„Jaja, ungewöhnlich und gewagt sind mein zweiter und dritter Vorname!“
„Aha.“
„Na dann, auf Wiedersehen. Es war angenehm, Sie kennenzulernen.“

Effi stolzierte weiter und entdeckte ihre Eltern im Getümmel. Sie zog leicht am Jackettärmel ihres Vaters.

„Guten Tag, Herr Papa“, sagte sie.
„Benimmst du dich auch, Effi?“, fragte er.
„Aber natürlich. Immer doch.“

Swantje

Fotos: privat (1) / flickr

An die Arbeit

Sag’s mit Fontane: Willkommen, Effi!

Wie eine Fremdsprache lasen wir die ersten Worte von Effi Briest. Die langen Sätze bildeten ein verwirrendes Konstrukt, bei dem zu Anfang jeglicher Sinn fehlte. Allmählich gewöhnten wir uns an die blumige, altmodische Sprache, spätestens als Effi und ihre Mutter in der Szene auftauchten. Der quirlige Charakter des Mädchens war sofort erkennbar und weckte Sympathie für die Protagonistin. In dieser gehobenen Sprache durchlebten wir im Geist unseren alltäglichen Nachhauseweg. Wir stellten uns die Häuser, Straßen und Sinneseindrücke so genau vor, wie man es selten in der Routine wahrnimmt. So entstanden aus den wenigen Minuten von der Schule oder der Arbeit zum eigenen Zimmer ausführliche Texte. Sie schenkten den kurzen, sonst kaum beachteten Augenblicken am Tage ihren verdienten Wert.

Das unüberhörbare Knistern des Laubes flüstert mir ein leises “Willkommen zurück” ins Ohr, während ich den schmalen grauen Weg am Rande der dicht befahrenen Kreuzung entlanggehe und die Musik meines Handys deutlich lauter drehe, um die Masse an Fahrzeugen zu übertönen, die dort durch den schweren, düsteren Oktobernebel rasen. Schon bald biege ich in eine scheinbar endlose Straße, meine Straße, ein und sogleich erstreckt sich vor mir eine eintönige Masse aus weißen und pastellgelben Häusern, alle tragen sie ein rotes oder braunes Dach und haben kleine Vorgärten mit kleinen Sträuchern, hinter denen meist ein Garagentor hervorlugt. Kleine Mauern oder graue Zäune mit wiederkehrenden Mustern markieren die Grenze jedes Grundstücks und wenn man es wagt, eines der Tore zu öffnen, wird man stets auf einem sauber gepflasterten Weg direkt vor eine Haustür getragen. In diesem eintönigen Chaos aus weißen und pastellgelben Häusern finde ich schließlich auch meines. Behutsam und doch genervt von meinem bisherigen Tag öffne ich das blaugraue Tor und betrete den bereits erwähnten sauber gepflasterten Weg, der mich zu der großen, dunkelgrünen Haustür führt, in deren Schloss ich nun meinen Hausschlüssel stecke und den warmen Hausflur betrete.

Luisa

 

Quietschend kommt der Zug zum Stillstand, mit einem Rauschen öffnen sich die Türen, die Passagiere steigen aus, eine von ihnen ist ein Mädchen. Der erste Schritt auf dem Bahnsteig ist ein Schritt in die altbekannte Welt. Sie blickt um sich, betrachtet einige Reisende, die mit ihrem Gepäck hantieren. Ein grauer Bahnhof, doch sauber, leer und groß, hinaus ins Weite kann sie schauen, wenn sie dem nächsten Zug bei der Ausfahrt mit dem Blick folgt.

Sie läuft mit schnellen Schritten die Treppe hinunter, andere stolpern, sind schwermütig, doch sie stürzt fast an ihnen vorbei, so sehr sehnt sie sich nach dem Ausgang. Die Treppe endet an einem weißen Fliesenboden, weiße Wände mit Plakaten, Abfahrtsinformationen, erleuchtet mit hellen LED-Lämpchen im Glaskasten. Sie geht vorbei an diesen Plakaten, sieht den neuen Dirigenten des Staatsorchesters auf einem der Bilder, dort spielt auch eine ehemalige Schulkameradin. Sie nimmt sich vor, wenigstens einmal ein Konzert dieses Orchesters zu besuchen. In der Bahnhofshalle angekommen, wandert die Decke höher, Tageslicht strömt hinein durch Fenster und Türen, deutsch-polnische Werbung an den Seiten, dessen Werbezweck sie nicht versteht, doch allein der Fakt, dass hier die Werbung zweisprachig erscheint, schmeckt nach Heimat.

Die Türen öffnen sich für sie und sie tritt hinaus in den Abend. Die Busse halten und fahren an ihr vorbei. Sie tritt auf den gepflasterten Weg, einige Meter weiter ist der Arbeitsplatz ihres Vaters, versteckt in einem großen Haus mit einer Filmwerbetafel, die nur noch zur Hälfte funktioniert. Sie schlägt den Schleichweg ein, möchte heute nicht an der Hauptstraße entlang, sondern die Ecken und Winkel genießen. Ein hohes Denkmal sticht in den Himmel, während sie vom Bahnhofsberg hinab blickt. Vorbei an Ecken und Nischen steht eine Backsteinruine, umzäunt und verwiesen mit Warnschildern, bewachsen mit Efeu bis zum Dach, das schon bröckelt. Das ist also die Bahnhofsruine, denkt sie sich, diese Ruine nimmt sie zum ersten Mal bewusst wahr und es schließt sich der Kreis aus Erzählungen, eine Freundin von ihr hatte hier als Kind mit ihren Mitschülern gespielt, bis ein Ordnungshüter kam und sie sich verstecken mussten.

Die Straße führt steil hinab, ihre Schritte federn, rechts neben ihr eine Baustelle, auf der die Pflanzen die Macht übernehmen, auf der anderen Seite eine Häuserwand, an dessen Türklingeln selbst beschriebene und geklebte Namensschildchen hängen. Die Balkone gefüllt mit Rosen, Stiefmütterchen und Kräutern, abblätternde Farbe und Schmutzflecke als Spuren der langen Jahre. Am Ende dieser Straße steht ein neuartiges, graues Gebäude, der Dönerladen darin großflächig gepriesen. Doch sie interessiert sich nicht für die Geschäfte, sondern für das, was nach dem kleinen Einkaufsgebäude kommt – der Gertraudpark. Es ist nur eine Straße, die sie auch ohne nach links und rechts zu schauen überquert, heute zumindest, dann ist sie umgeben von Grün.

Die Kirche mit ihrer goldenen Uhr zeigt die vergangenen Minuten seit ihrer Ankunft an, die Engel und Wesen aus Stein schauen herab mit leeren, doch schönen Gesichtern. Im Park sitzen junge und alte Menschen, die alten stützen sich auf ihren Rollatoren ab, die jungen, oft Pärchen aus der Universität, unterhalten sich angeregt. Das Gras bedeckt mit bunten Blättern, das Kleistdenkmal beschmückt mit Blumen und nach all den Jahren, die sie hier verbracht hatte, die sie an diesem Denkmal vorbei gegangen war, bemerkt sie er jetzt, dass dort Heinrich von Kleist auf dem Sockel posiert. Sie biegt ein in die Lindenstraße, dort liegen kistenweise Bücher aus, das Antiquariat hat noch für eine halbe Stunde geöffnet. Sie stöbert durch die Bücher, doch anders als letzte Woche liegen dort nur Groschenromane. Sie legt das letzte Buch zurück, schlendert weiter, vorbei an der Metallstatue, eine sich nach vorne beugende Frau mit einem verschwörerischen Lächeln und hohlen Augen. Auf dem Sockel steht: „Haus der Künste“. Ja, hier war das Mädchen vor nicht langer Zeit alle zwei Wochen gewesen, ist die knarzenden Stufen hinaufgegangen, hatte sich freudestrahlend auf einen der bunten Stühle gesetzt, in einer kleinen Runde Tee getrunken, Kekse gegessen und geschrieben. Doch diese Zeit war seit einigen Monaten vorüber, sie geht weiter, wartet an den Ampeln, schaut zum Oderturm hinauf, dessen leuchtende Buchstaben in der Nacht an einer Seite nur noch „Oderurm“ zeigten. Links von ihr ist die Lenné-Passage, und zusammen mit dem Oderturm bildet sie das Zentrum der Einkaufshallen von Frankfurt Oder. Der Markt ist noch geöffnet, hier verkaufen zwei polnische Frauen Obst und Gemüse, Straßenmusikanten spielen hier, oder engagierte Menschen verteilen Flyer. Das Mädchen kennt sie alle, sie hatte oft bei den Frauen eingekauft, oft genug gesagt, sie sei noch nicht 18 und könne deshalb keinen Spendenvertrag unterschreiben. Sie hatte den Straßenmusikanten immer Geld gegeben, meist spielte ein alter Mann irische Volksmusik, neben ihm sein Hund. Er hatte gelächelt, sich bedankt und einmal sogar „Bis morgen“ gesagt.

Sie läuft schräg über den Parkplatz, um schneller nach Hause zu kommen, die Uhr der Marienkirche schlägt zur vollen Stunde, das Rathaus liegt noch vor ihr in seiner roten Backsteinpracht, doch nur wenige Meter später sieht sie den Turm des Rathauses und nicht mehr den Eingangsbereich.

Große, rechteckige Steine bilden den Fußweg, damals war sie gehüpft, um nicht die Rillen zwischen den Steinen zu betreten, heute tut sie das nicht mehr, doch sie läuft beschwingt.

Sie muss grinsen, als sie die Treppen hinaufläuft, zwei Stufen auf einmal nehmend. Sie schließt die Tür auf, ruft laut Hallo in den Wohnungsflur hinein, stürmt auf ihre Mutter zu und umarmt sie, umarmt ihren Vater, ihre Schwester. Geht in ihr Zimmer, blickt auf das Rathaus, auf die goldene Uhr, die von den letzten Strahlen des Tages reflektiert wird – das Blau geht langsam in ein Grau über, sie blickt soweit ihre Augen reichen, am Museum Viadrina vorbei, und wenn sie sich konzentriert, die Augen zusammen kneift – dann kann sie am Horizont die Oder sehen. Die Oder – nur wenige Minuten entfernt, ein stiller Fluss, Grenze und Verbindung zu einem anderen Land. Ein stiller Fluss, der durch zwei stille Städte fließt.

Swantje

 

Der Wind, der immer wieder sanft durch die Baumkronen der Bäume entlang der Karl-Liebknecht-Straße wehte, brachte die inzwischen nicht mehr ganz so vielen grünen, gelben und leicht orangefarbenen  Blätter zum Klingen, die selbst in dem Hupen und Quietschen der Autoreifen, wenn sie an der Ampel hielten, zu hören waren und den Herbst ankündigten, denn immer wieder fiel ein einzelnes Blatt auf das historische Kopfsteinpflaster und den Asphalt, wobei das noch warme Sommersonnenlicht auf die Silhouette eines Mädchens fiel, dessen offenes Haar im Sonnenschein seidig schimmerte, und das den gepflasterten Gehweg neben der viel befahrenen Straße unter den Baumkronen der Bäume, die zur Straße hin standen, mit ihrem Fahrrad, vorbei an wilhelminischen Häusern munter entlangfuhr, froh, dass die Schule zu Ende war, ab und an mit dem Rad über einen losen Stein oder eine Senkung des Gehweges wobei ihr Ranzen auf ihrem Rücken dann immer einen Hopser machte.

An der Kreuzung stand ein großes, gelbes, stuckverziertes  Mehrfamilienhaus, in dem acht Wohnungen enthalten waren und diagonal gegenüber einem etwas helleren, gelben Mehrfamilienhaus stand, das zwar von der gleichen Person erdacht worden war, aber nicht einmal annähernd so schön war wie jenes, an dessen kleinem, eingezäunten Vorgarten das Mädchen mit dem Fahrrad vorbeigefahren war und nun an der Ecke abbog, an dem ehemaligen Laden, der sich vor langer Zeit im Erdgeschoss des Hauses Nummer 65 Ecke Friedrich-Hebbel-Straße befand, vier Meter weiter langsamer wurde, in einer kleinen Senkung, welche die Auffahrt darstellte, den Fuß auf die vergitterte Tür abstellte, die mit einem ebenso vergitterten Tor verbunden war, an der rechten Seite der Tür ein verwittertes, verrostetes Schild „Privatgrundstück! Betreten verboten!“  Das Mädchen, ihr Name war übrigens Henriette, stieß mit einer Hand das Tor auf und fuhr in den sandigen Hof nach rechts auf den roten, gepflasterten Fahrradplatz  und galant in den Fahrradständer mit sehr viel Schwung hinein.

Nachdem Henriette ihr Fahrrad abgeschlossen hatte, zurück durch das Tor, um die Ecke herum, und an dem kleinen Vorgarten vorbei gegangen war, öffnete sie den weißen Briefkasten, nahm den Inhalt heraus und schloss die einst mit Graffiti besprühte weiß-grüne Holztür auf, trat dann in den kühlen Flur ein, dessen Wände mit dunkelgrüner Farbe bestrichen war, ging ein paar Meter weiter, um dann eine doppelseitige Schwingtür aufzustoßen und die Treppe in den ersten Stock hinauf, um die linke Wohnungstür zu nehmen, welche sie aufschloss und die Wohnung betrat, ihre Mappe auf die große Truhe neben der Tür stellte, in die Küche ging, den Tiefkühlschrank öffnete, sich aus der untersten Schublade eine Schokoeistüte nahm, die Verpackung entfernte und freudig genoss, wie das wohltuende, kühle Eis auf ihrer Zunge zerschmolz.

Henriette

Fotos: flickr