Ein weites Feld

Von Pappe ist nur der Einband – was Fontanes Notizbücher verraten

Ihr ist Theodor Fontane schon länger ins Netz gegangen: Gabriele Radecke bringt seine 67 Notizbücher online. Seit 2011 arbeitet sie mit ihrem Team an der ersten digitalen und kommentierten Ausgabe zu einem Werk des Dichters, die über das Fontane-Notizbuchportal einsehbar ist. In Zahlen: Rund 10 000 digitalisierte Notizbuchseiten, sieben Register, unzählige Stunden des Entzifferns. Was die Forscherin sagen kann: Die Notizbücher spiegeln Fontanes gesamtes Werk wieder, seine Arbeit als Romanautor, Reiseschriftsteller, Journalist, Kritiker, Korrespondent. Gabriele Radecke verrät: „Zusätzlich gibt es darin Tagebuchaufzeichnungen und Briefentwürfe sowie jede Menge Alltagsnotizen, To-do-Listen, sogar ein Kochrezept.“ Hier erklärt sie, was ihre Lieblingspassage ist.

Fontanes Notizbucheinträge sind schwer zu entziffern, noch dazu mit Bleistift geschrieben. Können Sie sagen, warum er ausgerechnet zum Bleistift griff?
Gabriele Radecke: Fontane schrieb nicht nur mit Bleistift, sondern auch mit schwarzer und brauner Tinte, mit Blaustift und manchmal mit einem Rotstift. Den Bleistift verwendete er wohl aus praktischen Gründen für seine Unterwegs-Notizen und Skizzen, denn es wäre zu umständlich gewesen, mit Feder und Tintenfass im Theater oder im Museum zu sitzen, ohne eine feste Schreibunterlage. Außerdem zeichnet es sich besser mit dem Bleistift als mit einem anderen Schreibgerät. Feder und Tinte verwendete Fontane, wenn er an Kapiteln seiner „Wanderungen“ oder den Romanen schrieb. Den Rot- oder Blaustift benutzte er für die Überarbeitung seiner Notizen.

Gabriele Radecke in Karwe, in den Händen hält sie ein Faksimile des Notizbuches, das Fontanes Aufenthalt 1864 dokumentiert.

Sie hatten alle 67 von Fontane erhaltenen Notizbücher vor sich. Gibt es eine Passage, die Sie besonders mögen?
Gabriele Radecke: Ganz besonders gefallen mir seine Aufzeichnungen zu den „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ und hier speziell die Notizen, die er sich 1864 in Karwe am Neuruppiner See gemacht hat. Er besuchte die Familie von dem Knesebeck in ihrem Herrenhaus sowie die Kirche und den Kirchhof. Dort skizzierte er das Eingangsportal und die Grabstätte der märkischen Adelsfamilie und beschrieb die Gegenstände in der Kirche, die wir zum Teil heute noch sehen können.

 

Ist nachvollziehbar, wo Fontane seine Notizen machte?
Gabriele Radecke: Die Niederschriften entstanden entweder zuhause an seinem Schreibtisch oder unterwegs, wobei er auch dann die Notizbücher für seine Einträge auf einer festen Schreibunterlage abgelegt haben muss. Man erkennt auf den Blättern ganz gut die unterschiedliche Ausprägung der Schriftzüge. Es gibt Seiten, die Fontane sehr ordentlich geschrieben hat, bei denen er auch Gliederungen vornahm oder seine Gedanken in Listenform festhielt. Manche dieser Seiten haben sogar Überschriften. Das bedeutet, dass es sich hierbei um keine spontanen Notizen handelt, sondern dass sich Fontane vor dem Notizbucheintrag Gedanken darüber gemacht hat, was er denn auf welche Weise eintragen möchte. Darüber hinaus gibt es Notizbuchseiten, die eine unruhige Handschrift haben; manchmal fallen gezackte Buchstaben auf. Die Notizen entstanden entweder beim Fahren in der Kutsche oder in der Eisenbahn, oder vor Ort, etwa in einem Museum, einem Herrenhaus oder sogar im Theater noch während der Vorstellung.

Weiß man, wie oder wo Fontane die Notizbücher aufbewahrte, wenn er sie auf Reisen dabeihatte?
Gabriele Radecke: Da er seine Notizbücher häufig unterwegs benutzte, musste er sie immer griffbereit haben. Ich vermute, dass er sie in der Jackentasche beförderte.

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Wenn Fontane gewusst hätte, dass seine Notizen nach 150 Jahren öffentlich gemacht werden, hätte er sich zurückgehalten – oder behandelte er seine Aufzeichnungen von Anfang an als „open source“?
Gabriele Radecke: Die Frage lässt sich leider bislang nicht beantworten. Wir wissen nur, dass Fontane viel mehr Notizbücher als die 67 überlieferten geschrieben hat. So belegen etwa Briefe, die er seiner Frau 1852 aus England geschrieben hat, dass er während dieser Zeit schon Notizbücher geführt hat. In eines hat er einen kleinen Brief und eine Haarlocke seines ältesten Sohnes gelegt. Vielleicht wurden nach Fontanes Tod viele Notizbücher, wie etwa auch sein Briefwechsel aus der Verlobungszeit, vernichtet, weil sie zu private Aufzeichnungen enthielten. In den Notizbüchern, die wir heute zur Verfügung haben, gibt es jedenfalls keine intimen Geständnisse.

Wo haben Sie gelernt, Fontanes Handschrift zu entziffern?
Gabriele Radecke: Während meines Studiums und durch viel Üben habe ich mich in seine Handschriften eingelesen. Am besten gelingt es, indem man bereits entzifferte Texte, etwa gedruckte Brieftexte, mit der Original Briefhandschrift Fontanes vergleicht. Allerdings gibt es in seinen Notizbüchern einige Stellen, die mein Team und ich bislang noch nicht entziffert haben oder wo wir sehr unsicher sind, ob wir das richtige Wort getroffen haben. Das ist etwa bei einer seiner Theateraufzeichnungen der Fall.

Hatte Fontane einen speziellen Laden in Berlin, in dem er Notizbücher kaufte?
Gabriele Radecke: Ja. Fontane kaufte seine Notizbücher bei drei Berliner Schreibwarenhändlern: Albert Henning in der Brüderstraße und in der Leipziger Straße bei Otto Walker und Fr. Wolffhardt. Das verraten uns die Firmenklebchen, die in einigen Büchern noch vorhanden sind. Die Notizbücher sind im so genannten Kleinoktav-Format, etwa zehn mal 17 Zentimeter groß. Es sind preiswerte Pappbändchen mit unterschiedlichen Einbänden, die zum Teil aus Papierresten hergestellt wurden; nur wenige haben ein Lesebändchen oder sind in Leder eingebunden. In unserem Fontane-Portal kann man die unterschiedlichen Einbände sehen.

Fotos: Privat

Als Leiterin der Theodor Fontane-Arbeitsstelle Göttingen verantwortete die Berlinerin Dr. Gabriele Radecke die Herausgabe der Großen Brandenburger [Fontane-]Ausgabe. Die fortlaufende, digitale Edition von Theodor Fontanes Notizbüchern entsteht an der Theodor Fontane-Arbeitsstelle der Universität Göttingen und der Niedersächsischen Staats- und Universitätsbibliothek. Für ihr besonderes Engagement in der Vermittlung zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit wurde Gabriele Radecke 2017 mit dem Preis des Stiftungsrats der Universität Göttingen ausgezeichnet. Ihre Arbeit verdeutlicht in bisher einzigartiger Dichte, wie Fontanes Notizbücher die Entstehung seines gesamten Werkes begleitet und geprägt haben.

An die Arbeit

Alles auf Anfang!

Das Fontanejahr 2019 ist angebrochen! Jetzt zählt es. Eine Kollegin des rbb, Julia Baumgärtel, hat sich umgesehen wer alles dabei ist, das Jubiläum würdig zu entstauben. Das Kamerateam landete auch in der Werkstatt des eff.i19-Schreibteams aus Frankfurt. Hier kommt der Clip, in dem außerdem Fontanes Rinderkraftbrühe serviert wird und Poeten zu Wort kommen, die „nicht die Asche anbeten“ wollen – sondern die Flamme schüren.

 

An die Arbeit

Durch Mark und Bein

Die Landschaften Brandenburgs – genau, im Plural, es gibt nicht DIE eine – haben bereits Wanderer Fontane herausgefordert. Seine Formulierung vom „weiten Feld“, die er Vater Briest in den Mund legte, bezog sich zwar auf die Natur der Gesellschaft, aber bedingt nicht eins das andere? Brandenburgs Gemütsaggregatzustände gehen Künstlern durch Mark und Bein, egal, in welcher Epoche sie leb(t)en, von Johann Sebastian Bach bis Rainald Grebe, spätestens der hat das Land musikalisch „geadelt“. Kein Zufall, dass er inzwischen auch dort lebt. Das weite Feld hat unsere Effi satt, gründlich: „Kaff, Dorf, Land, öde, leer, nix los“, so verschlagworten die Mitglieder der Potsdamer SLB-Schreibwerkstatt Hohen Cremmen in ihrer Fantasie. Effi zieht es nach Berlin. Fortsetzung folgt!

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An die Arbeit

Extraschicht mit Effi

Nachts kreativ sein? Das Team aus Prenzlau hat’s ausprobiert und in einer „Langen-Effi-Briest-Nacht“ am 5. Dezember seinen Abschnitt weitergeschrieben. Hier ein Streiflicht:

„Effi ist unglücklich mit einem karrierebewussten Banker verheiratet.
Sie besucht mit ihrem Mann die Weihnachtsfeier der Firma ihres Mannes. Ist ein bisschen angetrunken.
Ihr Mann muss weg, weil sein Papa auf einmal im Krankenhaus liegt.
Sie unterhält sich mit einem interessanten Mann. Dieser Mitarbeiter der Arbeitsstelle ihres Mannes redet mit ihr und bietet ihr an, bei ihm mitzufahren,
Die Freundin von Effi fährt in der Limousine mit Chauffeur mit. Die Freundin steigt an ihrem Zielort aus. Effi und der Mitarbeiter fahren weiter.
Auf dem Weg zu Effis „Nach Hause“ reden sie viel.
Effi wünscht, ihr Mann wäre auch so wie Andreas, ein Mitarbeiter ihres Mannes.
Effi verliebt sich ein bisschen.
Andreas will aber nur Spiel und Spaß.
Die beiden küssen sich im Auto.
Effi ist so aufgeregt und auch betrunken, dass sie aussteigt und sich erbrechen muss.
Sie rennt dennoch ins Haus. Sie freut sich ein bisschen über den Kuss, aber sie schämt sich auch, dass sie „fremdgegangen“ ist.

Effi bekommt oft Nachrichten von Andreas
Ihr Mann bekommt davon nichts mit.“

An die Arbeit

Nach dem Side-Cut ist vor dem Schnitt

Ein Kamerateam des rbb Fernsehen hat die Gruppe aus Frankfurt besucht und bei der Arbeit an ihrem Abschnitt der modernen Effi begleitet. Der Beitrag ist vorgesehen als Teil einer Auftaktsendung zum Fontanejahr 2019 und wird zwischen den Jahren gesendet. Wir teilen ihn hier, sobald er in der Mediathek steht!

Veronika aus dem Frankfurter Team fasst ihre Eindrücke zusammen:

„Wir waren alle richtig nervös, denn es war für uns alle das erste Mal, dass wir im Fernsehen waren. Wir hatten plötzlich das Angebot bekommen und spontan zugesagt. Als der große Tag da war, waren wir so ziemlich die ganze Zeit über angespannt und unruhig- wir fühlten uns etwas unter Druck, weil wir im Fernsehen so selbstbewusst und professionell wie möglich auftreten wollten. Gleichzeitig fühlten wir uns auch eingeengt von der Kamera, wenn sie neben uns stand, und wir verspürten alle ein wenig den Drang, die Atmosphäre aufzulockern . . .

Aber es klappte alles. Wir schafften es sogar, noch mehr als sonst während der Treffen für das eff.i19-Projekt fertigzustellen. Auch die Interviews mit den Leuten von rbb verliefen viel besser als gedacht und wir vermittelten dann wohl doch einen recht anständigen Eindruck.
Nachdem das Fernsehteam gegangen war, fühlten wir uns erstmal erleichtet – unsere ganze Anspannung hatte sich gelöst. Es ist eben doch am besten, wenn wir die gemütliche Schreibkursstimmung im Raum haben, die irgendwie  nur existiert, wenn wir unter uns sind. 🙂 Trotzdem war es mal eine ganz andere Erfahrung.“
An die Arbeit

Der Moment des Side Cuts

Nachdem wir unseren Abschnitt gelesen hatten, wollten wir am liebsten gleich mit dem Schreiben beginnen. Doch schnell kamen Fragen auf: Wie wird die Effi im Jahre 2019 sein? Sollten wir eine gemeinsame Figur haben oder jede seine eigene? Wir entschieden uns, gemeinsam eine Figur zu entwickeln. Was in der Diskussion noch kompliziert klang, geschah dann fast selbstverständlich. Jede steuerte ein paar Eigenschaften und Hintergrundinformationen bei, sodass sich bald darauf ein stimmiges Bild ergab. Die gerade entstandene Effi begeisterte uns sofort. Spontan suchte sich jede von uns eine Schlüsselszene aus Effis Leben aus, die sie unbedingt schreiben wollte. Hier der nächste Beitrag des Teams aus Cottbus:

Der Bass dröhnte und warf Wellen über die tanzenden Schulabgänger. Ab und zu hörte man eine Stimme hervorstechen, die dann sowas rief wie „Scheiß Schule!“ oder es wurde betrunken „Ich liebe euch, Leute“ ins Mikro der Band gelallt. Die Stimmung war toll und die Musik laut. Effi schlug sich ihren Weg über die Tanzfläche, die dutzend Lichter, die über die bebende Menge blitzten, brachten ihr neongelbes Haar zum Leuchten. Am anderen Ende des Saals warf sie sich geschafft auf eines der dort stehenden Sofas.

„Wow, wie geil ist das hier!“ Effi nahm ihrem Klassenkameraden Finn die Bierflasche aus der Hand und leerte sie in einem Zug. Finn grinste dämlich: „Ja, total cool!“

Sofie, oder einfach S, aus der Parallelklasse bemerkte: „Effi, was hast du mit deinen Haaren gemacht?“

Finn mischte sich wieder ein: „Das sieht echt übelst nice aus.“

„Danke.“ Effi lehnte sich in das viel zu weiche Sofa. Sie schloss die Augen und fühlte den Bass wie einen Herzschlag in ihrer Brust. Es hatte etwas Beruhigendes, was einen gleichzeitig mega elektrisierte.

„Leute, wer gibt mir ein Bier, ich habe Lust zu feiern!“ Ein begeistertes Jubeln ging durch die Gruppe und man drückte Effi ein warmes Bier in die Hand. Fast feierlich hob sie die Flasche, worauf ihre Freunde die ihren dagegen schlugen. Das Glas der Flaschen klirrte und sie tranken, dann wurde wieder getanzt, bis keiner mehr wusste, wieviel Uhr es war, da sie alle geschworen hatten, keine Uhr mitzubringen, damit sie das Gefühl haben konnten, die Party würde ewig dauern. Irgendwann hatten sie sich alle auf eines der alten Sofas gequetscht und stellten ein weiteres gegenüber, sodass jeder Platz hatte. Effi saß auf der oberen Lehne des dazugestellten Sofas. Ben, ein totaler Streber, der zu tief in die Flasche geschaut hatte, reckte theatralisch die Hände gen Hallendecke und rief: „Zukunft!“

Schlagartig wurde es still.

„Also ich werde Arzt.“

Jubel brandete auf.

„Architekt“, kam es von der gegenüberliegenden Ecke des Sofas.

„Designerin!“, schrie Sofie.

Und das löste eine Welle aus, jeder schrie seinen Wunschberuf. Effi aber saß stumm da, wie geschockt. Dann packte sie ihre Jacke und ging.

Tamina

In ihrem Kopf herrschte gähnende Leere. Zwar war in den vergangenen Stunden viel passiert, doch alles war momentan unwichtig, denn das Einzige, woran sie dachte, war das kuschelig weiche Bett in ihrem Zimmer. Träge rührte sie ihren pechschwarzen Kaffee um. Das vorwurfsvolle Schweigen, welches in der Luft hing, drückte nur ansatzweise aus, wie die Spannung zwischen Effi und ihren Eltern knisterte. Ihr Vater räusperte sich und spielte nervös mit dem Teelöffel herum. Das war seine typische Art, wenn er sehr zornig war, nur nicht wusste, wie er es ausdrücken konnte.

„Tja Effi“, begann er zögernd, „du hast uns also gar nichts zu sagen?“

Effi hielt mit dem Umrühren inne und sah ihren Vater genervt an.

„Nein“, sagte sie frech und starrte wieder auf ihren Kaffee. Ihr Kopf dröhnte. Das würde der schlimmste Kater werden, den sie je hatte.

„Ich glaube schon“, zischte ihre Mutter mit eisiger Stimme. Ihr Hals war mit roten Flecken übersät. „Was zum Teufel hast du mit deinen Haaren angestellt!? Bist du völlig irre geworden? Was sollen bloß unsere Nachbarn von dir halten? Ich höre sie schon flüstern! Weißt du eigentlich, dass du schon genug Missbilligung bekommst?“
Sie hörte auf zu sprechen. Zu sehr regte sie sich auf.

„Dann kommt wenigstens etwas Farbe rein“, erwiderte Effi kühl. „Meine Haare, finde ich, passen doch super gut in unsere Spießersiedlung. Außerdem ist das nicht eure Angelegenheit. Ich bin 18! Schon vergessen?“ Ihre Mutter warf ihr einen Todesblick zu. „Wir haben nichts dagegen, wenn du dir die Haare färbst. Wir sind schließlich auch künstlerisch.“

„Genau. Hättest du was gesagt, wäre ich mit dir auch zum Friseur gegangen. Dann sähest du wenigstens nicht… so aus“, warf ihr Vater mit einem gequälten Lächeln ein.

„Ich mag meine Haare, wie sie sind, denn Side-Cuts sind cool und jetzt habe ich endlich den Mut dazu.“

Ihre Eltern sahen sich an und ihre Mutter fragte mit zusammengekniffenen Augen: „Hast du dir überhaupt mal Gedanken über deine Zukunft gemacht? Ich meine… 1,9 Abi! Damit kannst du was machen. Was hälst du von Literatur? Sie ist sehr interessant“, fing ihre Mutter an zu schwärmen.

Schwungvoll stand Effi auf. „Weißt du was? Ich habe mir noch keine Gedanken gemacht, sondern genieße erstmal das Leben.“Dann verließ sie die Küche, vergaß nicht, die Tür noch einmal heftig zum Unterstreichen ihrer Worte zuzuknallen.

Henriette

Die schwere Holztür knarrte leise, als Effi sie öffnete. Sofort zog sie ihre Stiefel aus und warf sie in eine Ecke neben ihrem Schreibtisch. Auf ihm befanden sich ausschließlich ein bunt beklebter Laptop, ein Notizbuch und ein kleines Glas mit zwei Bleistiften und einem Kugelschreiber darin. Die vielen Schubladen daneben hatte sie nie gebraucht. Sie besaß einfach nichts, wofür man sie nutzen könnte und so blieben sie leer. Dabei boten sie so viel Stauraum für verschiedenste Dinge, die nur sie etwas angingen und außerdem mochte Effi das Geräusch, wenn man sie auf- und zuzog. Auch die beiden Regale über dem Schreibtisch waren beinahe leer. Es lagen nur ein paar Quittungen darauf, die sie nie entsorgt hatte. Effi setzte auf Minimalismus, es war einfach so viel praktischer. Außerdem besaß sie so nicht viele Dinge, an die sie denken oder um die sie sich sorgen musste.

Das Bett schien frisch bezogen zu sein. Wahrscheinlich hatte es ihre Mutter nicht mehr mit ansehen können und Effis Lieblingsbezüge nach langer Diskussion doch selbst gewaschen. Alles in allem wirkte das Zimmer eher befremdlich und Effi sah es schon lange nicht mehr als ihren Rückzugsort an. Bei ihren Freunden fühlte sie sich zu Hause. Doch hier geisterten nur ihre aufgedrehten Eltern herum, die ihr sowieso nur alles ausreden und verbieten wollten. Nein, das hier war nicht ihr Zuhause.

Mit einem lauten Seufzen ließ sie sich auf ihr Bett fallen und schloss für einen Moment die Augen.

Luisa

Sie schwenkte ihr Sektglas und beobachtete das Licht, wie es sich darin spiegelte und auf die weißen Fliesen tanzende Punkte warf. In einem Schluck trank sie das Glas leer und stellte es auf einem Stuhl ab, von dem sich gerade ein älterer Herr erhoben hatte. Dann drehte sie sich fort und hörte das Glas auf den Boden scheppern, lief jedoch weiter, als wäre sie an diesem Geschehen völlig unbeteiligt gewesen. Ihre roten Lackpumps gaben ein Klacken von sich, als sie über die Fliesen trat und dabei dramatisch mit den Hüften wackelte und allen zuwinkte, die sie dabei irritiert anstarrten. Sie gesellte sich zu einem Pärchen. Die beiden hielten sich an der Taille, als würden sie sonst auseinander fallen. Sie standen vor einem Gemälde, das so aussah, als hätte jemand einen Faden in rote Farbe getunkt und dann auf das weiße Papier geworfen. Das Pärchen unterhielt sich angeregt, sie gestikulierten mit ihren freien Händen und sahen dabei so angestrengt und konzentriert aus, als hätten sie ihre zärtliche Geste vergessen. Ihr Gebrabbel wurde langsam zu der absurden Interpretation, dass der rote Faden eine Ader wäre, eine Arterie, der Fluss des Lebens und Blut würde einen quasi anspritzen, wenn man das Gemälde ansehe.

„In der Tat“, sagte auf einmal Effi und sofort beendeten die beiden ihr Gespräch und schauten zu ihr, „Ich kann es förmlich spüren, wie mir ein Vampir das Blut aus den Adern saugt und dann mitten ins Gesicht spuckt.“

Der Mann und die Frau starrten sie an.

„Ungefähr so.“ Sie sog die Luft ein, gab ein Geräusch von sich, als würde sie Rotz hochziehen und tat so, als würde sie auf das Bild spucken.
Die Frau neben ihr hielt sich die freie Hand auf die Brust und ächzte, doch sie seufzte, als die erwarteten Spucketropfen ausblieben.

„Spüren Sie es auch?!“, fragte Effi.
„Nun… eine sehr gewagte Interpretation…“, sagte der Mann.
„. . . und dann noch so ungewöhnlich dargestellt“, sagte die Frau.
„Jaja, ungewöhnlich und gewagt sind mein zweiter und dritter Vorname!“
„Aha.“
„Na dann, auf Wiedersehen. Es war angenehm, Sie kennenzulernen.“

Effi stolzierte weiter und entdeckte ihre Eltern im Getümmel. Sie zog leicht am Jackettärmel ihres Vaters.

„Guten Tag, Herr Papa“, sagte sie.
„Benimmst du dich auch, Effi?“, fragte er.
„Aber natürlich. Immer doch.“

Swantje

Fotos: privat (1) / flickr

An die Arbeit

Queen auf voller Lautstärke

Größe: 1,67 Meter – Lieblingsoutfit: Jeansjacke – Lieblingslektüre: Reiseblogs – Anti-Frust-Strategie: Schaukeln – Vision: Weltreise mit Crampas – Soundtrack: „Queen auf voller Lautstärke“. Die Potsdamerinnen aus der Schreibwerkstatt der SLB entwerfen ihre Effi auf dem Absprung, zunächst nach Berlin. Mit einem Sprungbrett namens Geert von Innstetten. Alle Steckbriefe der Titelheldin gibt es hier und Vickys direkt:

Wie groß ist Effi? 1,67 Meter – Welche Klamotten trägt sie? Zum Abiball ein langes, schlichtes dunkelblaues Kleid, im Alltag Jeans und T-Shirt, am liebsten bunt – Welche Musik hört sie? Indie, Rock, Pop, 60er, 70er (Beatles, Queen…) – Was erwartet sie vom Leben? Sie will möglichst viel sehen und erleben, sich selbst verwirklichen, Freiheit leben – Wovor hat sie Angst? Einerseits vor Einsamkeit, ohne Ausweg vor dem Nichts zu stehen, andererseits irgendwo fest zustecken, ohne wirklich die Welt gesehen zu haben und ohne Möglichkeit, wirklich frei zu entscheiden – Wonach sehnt sie sich? Selbstständigkeit und Freiheit bei allen Entscheidungen, etwas für andere tun zu können, Verständnis: von Innstetten, aber auch generell, dass jemand wirklich an ihrem Leben interessiert ist und sie unterstützt – Wohin geht sie, wenn sie wütend ist? Nach draußen, möglichst in den Wald bei Hohen Cremmen, versucht auf andere Gedanken zu kommen. In Berlin einfach in der Stadt herumlaufen – Hobbies – was macht sie am liebsten? Lesen, Spazieren, Reiseblogs, macht Sinn – Wie hat sie ihr Abi bestanden? 2,2; sie hat sich angestrengt, um von Zuhause wegzukommen, aber bei vielem sieht sie den Sinn nicht, wozu ihr das Wissen helfen könnte – Was erhofft sie sich GENAU von der Beziehung zum älteren Innstetten? Jemanden, der sie unterstützt, finanziell, emotional. Eine Absicherung für den Start in ihr unabhängiges Leben.

Fotos: Bohemian Rhapsody, Twentieth Century Fox / PR, flickr