An die Arbeit, Eure Handschrift

Effi heute: Entfesselt und rebellisch

Alle fünf Schreibteams haben die fertige eff.i19 im Rahmen des Kongresses „Fontanes Medien 1819 bis 2019“ präsentiert. Max Reichert aus Gruppe #5 gab sogar eine Live-Kostprobe aus seinem Musical-Abschnitt, mit dem er die moderne Effi Briest enden lässt. Wie die Jugendlichen viereinhalb Monate lang Fontanes Klassiker auseinandergenommen, paraphrasiert und neu zusammengesetzt haben, beeindruckte die Kongressbesucher enorm und bot Gesprächsstoff. Auffallend: Unsere Herangehensweise macht Kenner der klassischen Effi Briest sprachlos. Keine gescheiterte Ehe, kein Freitod. Stattdessen eine Heldin, die rebellisch ist und sich nicht mehr mit den Fesseln des klassischen Frauenbildes herumschlagen muss, vielmehr mit den heutigen Herausforderungen konfrontiert ist. Ein Geert von Innstetten, der für Effi Mittel zum Zweck ist, weil er ein gutes berufliches Netzwerk mitbringt, und der sich neu erfinden muss, um ihr zu gefallen. Sei es, indem er kocht. Geblieben sind das Duell der Kontrahenten, Rollo, Roswitha, Gieshübler, der sich vom Theater auf das Medium Film verlagert hat, und ein ganz weite(re)s Feld.

 

Und, wie war’s so mit eff.i19? Moderator Rainer Falk vom Theodor-Fontane-Archiv Potsdam disktiert mit Sarah-Marie Neumann, Alpha Heidel, Alexander Ragwitz, Patricia Majaura und Max Reichert (v.l.).

 

Viel beachtet war der Abschluss der eff.i19 in den Medien: Der rbb widmete den Jugendlichen eine Sendung im Rahmen der Reihe „Märkische Wandlungen“, die Lausitzer Rundschau und die Märkische Allgemeine berichteten über die jungen Autoren/innen.

An die Arbeit

Dicker Kopf, dicke Luft, dicker Hals

Nach dem Abiball wacht Effi in einem fremden Bett auf, verkatert und mit einer vagen Ahnung, dass sie nicht alleine ist. Im Beitrag Effi 19 für Zeitpunkte des rbb Inforadios geht es um Abschnitt eins der Frankfurter Gruppe. Wieder nüchtern, konfrontieren sie die Eltern gleich mit dem nächsten – nicht abgesprochenen – Kapitel: Die Tochter soll ins Familienunternehmen einsteigen. Eigene Lebensplanung gefällig?

An die Arbeit, Das 68. Notizbuch

Auf Seiten der Heldin

Fontane neu schreiben – wer macht denn sowas? „Unerschrockene junge Brandenburger im Fontane-Jubiläumsjahr.“ Julia Baumgärtel hat für Brandenburg aktuell die Gruppe aus Cottbus besucht und mit ihr den Premierenblick in die Fahne des Buches geworfen. 174 Seiten stark ist die moderne Effi Briest geworden, um einiges kürzer als das Original, oder eben: effi.zienter. Auf Seiten der Heldin findet sich alles: Effi kommt zum Punkt. Jetzt dauert es nicht mehr lange, dann ist neben dem digitalen Blättern auch Analogblättern drin!

An die Arbeit, Ein weites Feld

„Müssen wir das Buch ganz lesen?“

Im Unterricht gesetzt, ist Fontane für viele Deutschlehrer trotzdem ein dickes Brett zu bohren. Sarah-Marie Neumann, die an der Universität Dresden im zehnten Semester Lehramt studiert und im einem Praktikum die Schülerinnen aus Prenzlau bei ihrer Arbeit an eff.i19 begleitete, nahm die Herausforderung Fontane an. Rückblickend bewertet sie es als Chance, „an einem Projekt mitzuwirken, das ich von Beginn an konzeptionell sowie thematisch spannend fand.“ Effis Anspruch, etwas aus sich zu machen, den die Gruppe klar in Worte fasste, kann Sarah unterschreiben: „Bildung ist der Schlüssel, um die Gesellschaft zu verstehen, seinen Standpunkt zu äußern und gemeinsam Perspektiven zu schaffen. Als Lehrerin kann ich über Themen sprechen, die für mich von Belang sind und für die ich junge Menschen begeistern will.“

Haben Sie in der Schule Fontane gelesen? 
Ja. Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland konnte ich in der fünften Klasse auswendig, John Maynard rezitierte ich wohl in der neunten Klasse. Wenn ich mich richtig erinnere, war Irrungen, Wirrungen Pflichtlektüre in der elften. Meine Mitschüler*innen teilten meine Begeisterung für lange Sätze und bildhafte Sprache weniger und titelten es kurzerhand um in Irrungen, Wirrungen.
Was fällt Ihnen zu Effi Briest ein?
Effi habe ich erst im Studium kennen- und verstehen gelernt. Die Figur befindet sich in einem Spannungsfeld zwischen Aufbruch und Zusammenbruch, Aufbegehren und Verstummen. Ich denke an eine junge Frau mit frohem Gemüt, hungrig auf Erlebnisse und Bekanntschaften. Sie kann und will mündig sein, aber das Ticket in die weite Welt entpuppt sich als Tragödie. Für mich ist das Werk gerade an den Punkten von Interesse, die das Ausmaß des gesellschaftlichen Abgrundes andeuten, niemals aber konkret aussprechen. Das Hinterfragen vermeintlich harmloser Sätze hat mich beim ersten Lesen schon gefesselt. Welche Figuren portraitiert Fontane eigentlich, was steckt hinter den hellblauen Blusenkleidern, Uniformjacken und Standesdünkeln?

 

Der Diskurs über diese Fragen im Seminar war anregend, wirklich spannend ist die Interpretation allerdings erst gemeinsam mit den Prenzlauer Schülerinnen gewesen.

 

Die Gruppe der Aktiven Naturschule ist intensiv in die Geschichte eingetaucht. Bitte beschreiben Sie Ihre Beobachtungen und Erfahrungen bei der Arbeit am Manuskript.
„Müssen wir das Buch ganz lesen?“ war eine der ersten Fragen. Fontanes Sprache ist komplex, die Sätze sind scheinbar grenzenlos und die Inhalte stets verschleiert. Die Gruppe setzt sich aus Schülerinnen der Klassenstufen 8 und 9 zusammen, dass sie es geschafft haben, so kontinuierlich zu lesen und zu verstehen, erfüllt mich immer wieder mit großem Stolz. Da während der Schulzeit keine Zeit war, miteinander zu arbeiten, wählten wir kurzerhand die Schulübernachtung als geeigneten Rahmen. Die ersten Treffen verbrachten wir damit, uns Effi Briest gegenseitig vorzulesen und uns immer wieder zu fragen: Was steht denn da eigentlich? In der zweiten unserer Effi-Nächte sahen wir uns die moderne Verfilmung von Hermine Huntgeburth an. Mit dem Wissen aus Buch, Film und theoretischer Exkurse durch uns Betreuende begann schließlich das Schreiben.
Kapitel für Kapitel untersuchten wir Handlungsabfolge, Höhe- und Wendepunkte, Figurenkonstellation und Charakterentwicklung. Das Schreiben an sich ging den Mädchen schnell von der Hand, sie fanden sich zu zweit zusammen, verteilten Aufgaben und entwickelten ihre moderne Effi. Beim gemeinsamen Abendessen wurden die Texte vorgelesen und gemeinsam redigiert.

 

Effi raucht? Warum habt ihr hier Präsens benutzt? Wohnen die jetzt in einem Schloss oder nicht? Und wie gehört Crampas jetzt dazu? Reiten oder Golfen?
Die Mädchen fanden einen Weg, die Geschichte zu schreiben, ohne jedes einzelne Wort miteinander abzustimmen. Kurz vor den Winterferien fanden wir uns wieder in der Teeküche der Naturschule ein, auf dem Tisch ein Haufen handbeschriebener Zettel mit Streichungen und überklebten Seiten. An diesem Abend tippten wir eine Fassung, bei der plötzliche Handlungslücken, Abweichungen und Denkfehler deutlich wurden. Die gemeinsame Überarbeitung brachte schließlich den Text, in dem sich jede Schreiberin verewigt hatte.
Was haben Sie von der modernen Effi „mitgenommen“?
Dass sich junge Menschen, gerade Mädchen, an dieser literarischen Figur reiben können. Ganz früh hat die Gruppe Effis Handlungsmotive hinterfragt: Ist das Liebe oder Langeweile; ist das jetzt wagemutig oder leichtsinnig?

 

Die moderne Effi scheint mir nicht ohnmächtig ihrer Situation ausgeliefert. Sie macht aus der Langeweile ein Abenteuer. Eine Fähigkeit, an der es mir mangelt. Vielleicht kann sie mir etwas davon abgeben.
eff.i19 vertritt den Anspruch, „Best-Practice-Beispiel“ für den Deutschunterricht zu werden. Klar ist, dass der Lehrplan nicht immer Raum lässt für so ein umfangreiches kreatives Schreibvorhaben. Welche Ergänzungen oder Umsetzungstipps würden Sie sich als angehende Lehrerin für die Praxis wünschen?
Ich denke, dass es für die Lehrenden wichtig ist, sich von den eigenen Interpretationsansätzen loszusagen. Die Prenzlauer Schülerinnen verstanden Effi ganz anders als ich zuvor, spürten Effis romantischem Empfinden viel deutlicher nach, was sich auch in ihren Ideen zur Textfassung zeigte.

Mir hat die projektorientierte Arbeit noch klarer gezeigt, wie lohnenswert das Heraustreten aus dem klassischen Unterrichtsrahmen ist.

Ich möchte Lehrer*innen jeder Berufserfahrung Mut zusprechen, sich an Neuinterpretationen heranzuwagen und dafür moderne Kommunikationsformen zu nutzen. Ein Blog wie effi19.org kann in unterschiedlichen Kontexten im Unterricht genutzt werden, allerdings zeigt sich seine Qualität besonders bei der Dokumentation eines Prozesses. Meine eigene Erfahrung aus dem Studium zeigt, dass sich viele Lehrende nicht mehr an große Projekte heranwagen und lieber die erprobten Wege gehen. Wenn also mehr Schüler*innen die Möglichkeit erhalten sollen, kreativ mit einem komplexen Roman auseinanderzusetzen, müssen zunächst die Lehrenden lernen, dass die Schüler*innen nur einen Rahmen und etwas Handwerkszeug benötigen, um ihre Ideen umzusetzen. eff.i19 bietet durch die Umsetzung in einem Blog Lehrenden die Chance, einen Schreibprozess nachvollziehen zu können. Zusätzlich kann ich mir eine Handreichung vorstellen, die sich direkt an Kollegien wendet.

 

Wie könnte Ihrer Meinung nach der Satz enden: „Die moderne Fassung von Effi Briest ist hat . . .“
. . . das Potential, den poetischen Realismus aus dem Dornröschenschlaf zu erwecken; schafft es, Erzählstrukturen und Motive in die Lebenswelt junger Menschen zu rücken und ermutigt uns, verstaubt scheinende Erzählungen auf Aktualität zu überprüfen.
Foto: Privat
An die Arbeit

Ein Abstecher zu „Irrungen, Wirrungen“ und Halbwahrheiten

Die  Arbeit der Schreib-Teams an den fünf Manuskript-Abschnitten der neuen, modernen eff.i19 ist beendet. Ihren Weg hat Effi längst noch nicht gefunden, aber eingeschlagen. Statt eines weiten Felds findet sie in England im Garten ihres Onkels eine Metapher für das Leben. Bestehend aus Irrwegen verletzter Gefühle, Wüsten, akkurat geregelten Pflanzungen, die Erfolge kennzeichnen, und langlebigen Koikarpfen. Die Beobachtungen unseres Cottbuser Teams ziehen eine Klammer um das, was eff.i19 zeigt: Es gibt für junge Menschen heutzutage nicht mehr den einen, vorgegebenen Lebensweg. Es gibt viel Wildwuchs, Abschnittwechsel, bis zur schrebergartenesken Ordnung. Alles gehört dazu, es liegt am Weg. Unterwegs sein lohnt sich. Denn die Erwachsenen haben auch mal jung angefangen!

Effi bog in eine sich endlos vor ihr erstreckende Allee ein. Ein sanfter Wind fuhr durch die Blätter der riesigen Bäume und ließ sie leise rascheln. Konzentriert und doch ein wenig unsicher, was sie erwarten würde, setzte Effi ihren Weg mit ihrem rumpelnden Rollkoffer fort. Je weiter sie ging, desto unscheinbarer wurden die Bäume um sie herum, denn hinter ihnen konnte Effi bereits den Umriss eines gewaltigen Herrenhauses erkennen. Das Grundstück war von einem hohen Zaun umgeben, an ihm war ein Schild angebracht, auf welchem man die Hausnummer lesen konnte.

Verunsichert warf Effi einen Blick auf den Zettel, auf den ihr Vater die Adresse ihres Onkels geschrieben hatte. Sie war richtig. Zögernd legte sie ihren Zeigefinger auf den Klingelknopf und drückte ihn. Durch die dicken Metallstäbe des Zauns hindurch konnte Effi beobachten, wie sich die große Flügeltür mittig des Gebäudes öffnete und ein etwas dicklicher, breit grinsender Mann heraustrat. In seiner rechten Hand hielt er einen Schlüsselbund mit vielen Schlüsseln unterschiedlichster Formen und Größen und klimperte damit herum.

„Einen Moment“, murmelte er, während er sich daran machte, das Tor aufzuschließen, „du musst Effi sein!“
Er zog einen der beiden Torflügel schwungvoll zur Seite.

„Ja“, antwortete Effi verlegen und betrat das Grundstück. Das Haus war riesig. Es hatte drei Stockwerke und war weiß verputzt. Das Dach war spitz, aufwendige Muster verzierten die Giebel. Zudem gab es viele große, aber auch kleine Fenster, an denen vereinzelt Blumenkästen hingen. Der Rasen schien frisch gemäht und links entdeckte Effi einen kleinen Springbrunnen, der ruhig vor sich hin plätscherte.

„Jetzt lerne ich dich endlich kennen!“, rief ihr Onkel. Er war an die Haustür gekommen, während Effi den Brunnen begutachtet hatte. Unsicher blickte sie ihn an.
„Na komm schon, bloß nicht so schüchtern!“ Er lachte und nahm ihr den Koffer ab.

Luisa

 

Das weite Feld als geheimer Garten

Der Garten war in fünf Abschnitte eingeteilt, die sich strahlenförming in der Mitte der Terrasse trafen. „Okay, Effi“, sprach sie sich selbst Mut zu: „Du arbeitest dich einfach von rechts nach links vorwärts.“ Ihre großen roten Gummistiefel schlackerten um ihre Jeans, während sie über die graue Terrasse auf den Garten zulief. Schnell verschwand sie zwischen den hohen Hecken des grünen Labyrinths.

Zwischen den Hecken ragten immer wieder Rosenknospen hervor, die sich durch das Grün nach oben gekämpft hatten. Während Effi sich ihren Weg durch die Pflanzenmauern suchte, zählte sie die Blüten. Und immer wieder geriet sie in Sackgassen, wo Skulpturen von Menschen standen, die aussahen, als seien sie Büchern über das Römische Reich entsprungen.

Bei Blüte 183 angelangt, hörte Effi auf einmal ein Rascheln.

Sie drückte sich an die Hecke und ihr Atem wurde schneller. Hinter der nächsten Ecke musste jemand sein.
„Effi?“, brummte jemand.
„Oliver?“ Effi ging um die Ecke und entdeckte ihren Onkel auf einer gusseisernen Parkbank. Vor ihr eröffnete sich eine kreisrunde Rasenfläche, mit einem prächtigen Springbrunnen in ihrer Mitte und Parkbänken drumherum.
„Was machst du hier?“, fragte Oliver.
Effi antwortete: „Den Garten anschauen. Cooles Labyrinth übrigens.“
Oliver stand auf: „Thank you. Weißt du was, ich werde dich begleiten. Komm mit, hier geht es lang.“

Nach einigen Minuten trafen die beiden auf die Grenze zum zweiten Gartenteil. Effi blieb kurz stehen und kratzte sich am Kopf. Vor ihr lag eine Wüste, eine Wüste mit Kakteen und Felsen, die sehr nach Ockerstein aussahen. Die Kakteen hatten viele verschiedene Formen und Farben, viele mit prachtvollen Blüten. Und die meisten von ihnen waren in abstrakten Glashäuschen, vermutlich wegen der Kälte.
„Hast du das alles aufgebaut?“, fragte Effi, während sie mit ihren Gummistiefel einen Graben in den weichen Sand zog.
„Warum fragen mich das immer alle? Es gab eine Zeit, da war ich fitter. Und zu deiner Frage: Ja. Ich habe jeden der Gärten gestaltet. Naja, außer vielleicht dem Labyrinth, das habe ich nur etwas aufpoliert“, erklärte Oliver stolz.
„Und wieso eine verdammte Wüste? Und das hier?“ Sie tippte mit ihren Fingernägeln an ein Glashäuschen, das wie eine Pyramide aussah.
„Nun Lady Effi, jeder Teil dieses Gartens erinnert mich an einen Teil meines Lebens,“ antwortete Effis Onkel.
„Und was soll bitte ein Labyrinth darstellen? Die Suche nach einem College?“ Effi ging zum nächsten Glashäuschen. „An meine Kindheit“, erklärte Oliver als wäre das vollkommen selbstverständlich.

„Und diese Wüste, die wie die Kulisse eines Wild-West-Streifen aussieht?“ Nun war Effi aber neugierig.
„An Vegas.“ Wieder die scheinbare Selbstverständlichkeit in der Stimme ihres Onkels.
„Vegas?“ Er hatte es tatsächlich geschafft, sie zu überraschen.
„Las Vegas“, half Oliver aus
„Was hast du da so gemacht?“ Effi ging zum nächsten Glaskasten und betrachtete einen besonders schönen Kaktus.
„Carnegiea gigantea“, sagte Oliver.
„Was?“, fragte Effi.
„Der Kaktus,  Carnegiea gigantea, so heißt er“, erklärte Effis Onkel.

„Und was war mit Las Vegas?“, hakte Effi nach.

„Ach Effi, hör auf in der Vergangenheit zu leben. Be happy. Lass uns weiter gehen“, lenkte Oliver ab und ging weiter. Effi sah ihm nach. Für so einen kleinen Mann, mit so kurzen Beinen, konnte er erstaunlich schnell laufen. Langsam folgte sie ihm. Oliver stand bereits in der Mitte des dritten Gartens, auf einer Wegkreuzung.
„Das ist die Mitte.“
Er bereitete demonstrativ die Arme aus. Die Kreuzung auf der die zwei standen, war umringt von roten und weißen Rosen. Am Ende des Weges stand ein kleiner Teepavillon. „Ich denke, das ist die Englische Gartenbaukunst“, riet Effi. „Right young Lady! Und erkennst du vielleicht noch etwas? Etwas mit den Rosen?“
Sie drehte sich im Kreis. Die roten Rosen waren die Kreuzung entlang gepflanzt und wie ein X legten sich dann noch zwei Reihen der weißen Rosen darüber.
„Die Englische Flagge?“ Effi war sich nicht hundertprozentig sicher.
Oliver strahlte: „Richtig. Ist das nicht romantisch mit den ganzen Rosen?“

„Schon“, murmelte Effi. „Warte, lass mich raten, du verbindest mit diesem Garten eine Frau?“

Olivers Blick wurde abwesend. „Sybill, die Mutter von Jerry, die Frau meines Herzens. Ja. Ich war so verliebt, so unglaublich verliebt. Ja, ja über beide Ohren. Und sie hat mich genommen, obwohl ich so arm war wie eine Kirchenmaus. Ja sogar das Haus verpfänden musste. Doch sie ist bei mir geblieben.“

„Du hattest kein Geld mehr?“ Effi hatte vollkommen den Faden verloren.
Oliver schüttelte den Kopf. „Effi, Geld ist doch nicht wichtig. Hauptsache, die Liebe ist da. Nicht wahr?“

„Schon“, murmelte Effi, „aber du . . .“ Sie wurde unterbrochen. „Genau Effi, nur die Liebe zählt und jetzt komm, bevor wir noch Wurzeln schlagen.“ Wieder war der kleine Mann weg. Effi folgte ihm grübelnd. Immer diese Halbwahrheiten.

Von ihren Eltern hatte sie auch immer Ausflüchte gehört, wenn ihnen das Thema nicht passte. Und dann ein: „Dafür bist du noch zu jung, Effi.“

Effi starrte im Gehen auf den Boden und stockte erst, als der Rasen zu kleinen Kieselsteinen wurde und der Weg zu runden Steinplatten. Als sie den Kopf hob, stand sie in einem Zen-Garten. Das Geräusch von sich bewegendem Wasser drang an ihre Ohren. Oliver stand auf einer kleinen Brücke, welche sich über einen Koi-Teich erstreckte. Überall standen Bonsai, roter Ahorn oder Kirschbäume, die leider keine Blüten trugen. Das Wasser schlug kleine Wellen, als sich die Kois darunter bewegten. „Sehr ruhig hier, schön friedlich“, sagte Effi dann endlich und stellte sich neben ihren Onkel an das kleine Holzgeländer. Sie ließ ein Blatt ins Wasser fallen und die Kois stürzten sich darauf.

„Darf ich fragen, woher die Inspiration zu diesem Garten kommt?“ Effi ließ ein zweites Blatt fallen und beobachtete, wie sich Kreise auf der Wasseroberfläche ausbreiteten, nur um von den Kois wieder zerstört zu werden.

„Erfolgreiche Geschäfte im Osten und am Aktienmarkt. In dieser Zeit fand ich meinen inneren Frieden. Alles war perfekt, ich war – glücklich.“ Das letzte Wort ließ sich Oliver auf der Zunge zergehen, wie etwas Besonderes.
„Also lief es dann besser und du warst nicht mehr pleite?“
„Ach Effi, Geld ist eine Nebensächlichkeit, die Beziehungen, die bringen dich weiter.“ Oliver löste sich vom Anblick der Fische und lief erneut von Effi weg. „Wir kommen zum Ende“, seufzte er und öffnete ein altes grünes Gartentor. Es offenbarte einen kleinen Schrebergarten mit Gartenhäuschen und kleiner Holztrasse mit Schaukelstuhl.
„Schön hier, erstaunlich normal“, stellte Effi fest und sah über die Blumen und Gemüsebeete. „Die Sonne brach sich in den Apfelbäumen. Oliver ließ sich auf den Schaukelstuhl fallen.

„Und das ist das Ende, normal halt“, brummte er.

„Bereust du etwas in deinem Leben? Vegas vielleicht?“, fragte sie.

Das Rot des Sonnenuntergangs stimmte sie tiefgründig. „Ach Effi!“, seufzte ihr Onkel. „Es ist ein so weites Feld.“

Tamina

Fotos: flickr

An die Arbeit

Save the date: Ein „effi“zienter Auftritt

Den Termin hat auch Jubilar Theo im Blick: Die moderne, heutige Fassung von Effi Briest und die Schnittmenge unseres virtuellen, 68. Notizbuchs wird im Rahmen des Kongresses „Fontanes Medien 1819 bis 2019“ vorgestellt. Termin: 15. Juni 2019, 16.30 Uhr, im Audimax der Universität Potsdam, Campus am Neuen Palais.

An die Arbeit

Ulmus minor: Mit Latein gegen Eltern-Blabla

Ebenfalls angekommen. Im englischen Dartford nimmt Effi das riesige Haus ihres Onkels in Augenschein – und landet bei einer Entdeckung, die genausowenig ins Bild zu passen scheint, wie sie selbst.

Effi ließ ihre Beine die Halfpipe hinunterbaumeln. Sie wippte mit den Füßen, tippte mit den Spitzen ihrer Turnschuhe auf das Holz. Eine Halfpipe, die mitten in einem leeren Saal stand, wie ein Monstrum aus der Gegenwart, vollkommen fehl am Platz. Es war kein Ton aus dem Haus zu hören, auch nicht von der Straße. Der Saal war wie ein Überbleibsel aus dem 18. Jahrhundert und Effi war mitsamt der Halfpipe implantiert worden.

Sie ließ die Hände an der Kante entlang gleiten. Eine dünne Staubschicht blieb auf ihren Fingerkuppen zurück. Sie betrachtete ihre Hände und zerrieb den Dreck zwischen den Fingern, bis er hinabrieselte. Nun war sie also in England und hatte ihren Onkel kennengelernt. Als sie aus dem Fenster blickte, erkannte sie den riesigen Garten wieder, den sie schon bei ihrer Ankunft gesehen hatte. Allerdings hätte sie deutlich mehr sehen können, würde nicht ein Baum die halbe Sicht versperren: Eine Ulmus minor. Ihre Eltern hatten sich oft beschwert, wenn sie mit ihnen durch die Straßen gelaufen war und die lateinischen Namen der Bäume aufsagte. Sie wollten sie lieber für die Baustile in den Städten begeistern. Ob ihr Onkel das auch so sehen würde?
Wenn sie mit ihm morgen durch die Stadt spazierte, würde sie ebenfalls lauthals die Namen der Bäume aufzählen, nahm sich Effi vor. Nicht, um anzugeben oder weil es sie immer noch besonders interessierte. Sie wollte einfach nur wissen, was er antwortete. Ob es ihm auch wichtiger war, die Epoche seines Hauses zu kennen und damit Leute zu langweilen, als die Natur oder das Stadtbild an sich zu betrachten. Renaissance, Klassizismus, Barock oder wie die Baustile nicht alle hießen – am Ende hieß das doch nur, dass Leute zu einer Zeit ein Gebäude errichtet hatten. Das hatte ja nicht mal was mit historischen Ereignissen wie Kriegen oder Revolutionen zu tun. Menschen hatten immer Häuser gebaut. Manche Gebäude standen eben noch, andere nicht. Eigentlich war es ihr auch ziemlich egal, wie die Ulme auf Lateinisch hieß, sie brauchte ein Mittel gegen das Blabla ihrer Eltern. Latein war für Effi eine gute Wahl gewesen.

Sie sprang von der Halfpipe ab und so weit wie sie konnte, doch knickte sie dabei mit dem Fußknöchel um. Sie zischte Luft durch die Zähne und rieb sich den schmerzenden Knöchel. Nach einigen Sekunden erlosch der Blitz aber, der durch ihr Bein geschossen war.

Unglaublich. Sie war in England und regte sich über ihre Eltern auf. Als ob sie ihr kilometerweit gefolgt wären.

Aber das war das Problem: Egal, wie weit Effi verreisen würde, sie behielt denselben Kopf und somit die Gedanken an ihre Kindheit. Da machte es keinen Unterschied, ob sie sich in Dartford auf einer Halfpipe setzte. Vielleicht würde es leichter werden, wenn sie Oliver besser kannte. Ihr Onkel wirkte eigentlich ganz cool, wie er so ausschweifend mit den Händen erzählte und ihr sofort das ganze Haus hatte zeigen wollen, was Effi nach der anstrengenden Reise ein wenig überrumpelt hatte. Deswegen war sie in den Saal gegangen und Oliver in einem der anderen Räume verschwunden. Sie war vorhin kurz aufgestanden, um ihn zu suchen, doch der Flur hatte zu viele Zimmer und es war zu still, also hatte sie schnell wieder den Holzbogen erklommen. Oliver hatte erwähnt, dass er die Halfpipe für seinen Sohn errichten ließ. Wenn der mal vorbeikommen würde, könnte es doch ganz spaßig werden!

Plötzlich ertönte laute Musik. Das Lied kam ihr bekannt vor. Nun musste sie doch grinsen. Endlich konnte sie Oliver finden, sie musste nur der Musik folgen. Sie rannte auf die Saaltür zu, obwohl ihr Fuß bei jedem Schritt schmerzte, den flirrenden Tönen entgegen.

Swantje
Fotos: flickr