An die Arbeit, Das Original

Effi, die echte

Inspiriert von einer wahren Geschichte, entstand der Roman „Effi Briest“ in den Jahren 1889 bis 1893. Persönlich kannte der 70-jährige Theodor Fontane die realen Vorbilder seiner Titelheldin, ihres karriereorientierten, 20 Jahre älteren Gatten und ihres midlifekrisegeschüttelten Geliebten nicht. Er hatte Zeitungen studiert aber auch den Zeitgeist „gelesen“, beziehungsweise ihn den Berliner Stadtgesprächen abgelauscht. Die Denkweise der Hauptstadt verlangte, dass sich was änderte. Das fand der Autor gut, aus eigener Erfahrung seiner sieben Lebensjahrzehnte aber auch einigermaßen utopisch.

Fontane mag erkannt haben, wie dynamisch und idealistisch junge Menschen sind. Aber er war zu alt, um die Möglichkeit des Scheiterns für seine Effi auszuschließen.

Quelle des späteren Bestsellers waren eine Zeitungsmeldung vom 29. November 1886 und das Gespräch darüber, das Fontane mit der Frau des Verlegers führte. Bei einem Duell in der Berliner Hasenheide war ein Mann erschossen worden. Am hellichten Tag, mitten in der Stadt. Ein Jahrhundert später beliebter City-Park an der Grenze der Bezirke Kreuzberg, Neukölln und Tempelhof, gehörte die Hasenheide damals noch zu Berlins Umland, dem Teltow. Dort trafen die Kontrahenten zusammen, um, statt zu raufen, standesgemäß aufeinander zu zielen. Der Herausforderer: Armand von Ardenne, 38 Jahre alt, Militär. Der Herausgeforderte: Emil Ferdinand Hartwich, 43 Jahre alt, Jurist.

Beiden ging es um eine Frau. Dieselbe, unschwer zu deuten. Else.

Elisabeth, 19 Jahre alt, kurz vor ihrer Hochzeit 1873.

Elisabeth von Ardenne, 33 Jahre alt, war Vorbild für Fontanes Effi Briest. Eine taffe Frau, schön, liberal denkend, von ihrer Mutter erzogen, nachdem der Vater früh gestorben war. Im Roman darf er am Leben bleiben und Anteil nehmen am Schicksal der Tochter. Aufgewachsen in Sachsen-Anhalt als jüngstes von fünf Geschwistern, genoss Elisabeth die Jugend, liebte Tanzen und und war gesellschaftlichen Veranstaltungen enorm zugeneigt. Ein Mädchen, das sich seines Standes bewusst war, aber den Charakter eines Menschen eindeutig über die Rolle stellte, die es spielen sollte.

Genau so denkt Effi. Doch ist ihr Else einen Schritt voraus. Anders als ihr literarisches Alter ego hat sie bei der Wahl des Ehemannes Mitspracherecht. Der Auserwählte ist kein titeldekorierter Alt-Adliger, sondern ein ehrgeiziger junger Militär mit belgischen Vorfahren, dessen – bürgerliche – Familie in Leipzig die Haltung vertritt: Aufstieg durch Leistung. Vater von Ardenne ist Großaktionär bei der Eisenbahn. Das verbindet ihn mit dem Rheinländer Emil Hermann Hartwich, zuständig für das Bahnwesen im Handelsministerium und Vater von Emil Ferdinand Hartwich, Elses Geliebtem in spe.

Armand von Ardenne reibt sich auf, um seine Karriere voranzutreiben, stolpert immer wieder über die Erwartungen an seine Rolle, kann aber nicht aus seiner Haut. Er will Leistung bringen, nur ist das ihm vorgegebene Tempo zu heftig. Elisabeth läuft nebenher, behält ihren eigenen Kopf und steht stabil genug, angesichts des berufsfokussierten Mannes nicht depressiv zu werden. Das schafft sie viel besser als Effi, wird allerdings auch nicht in eine Enklave an der Ostsee verfrachtet, sondern vom abwechslungsreichen Berlin nach Düsseldorf, dann wieder nach Berlin. In Düsseldorf begegnet sie 1879 dem zehn Jahre älteren Hartwich, einem profilierten Strafrechtler, der, anders als Armand, seine Work-Life-Balance im Griff hat und neben seinem Richteramt malt, rudert, Cello spielt und den Turnverein Düsseldorf gründet. Hervorhebenswert: Seine romantische Ader. Er porträtiert Else. And the rest is history.

Nicht zuletzt hat Emil einen tollen Draht zu Elses Sohn Egmont von Ardenne, dem Vater des späteren Physik-Nobelpreisträgers Manfred von Ardenne. Umgekehrt kumpelt sie mit Emils Söhnen. Patchwork, als es den Begriff dafür noch nicht gab.

Nachdem die von Ardennes nach Berlin zurückgegangen sind, schreiben sich Emil und Else leidenschaftlich Briefe. Beide wollen sich scheiden lassen, um miteinander glücklich zu werden. Ehe es dazu kommt, knackt Armand das Schloss am Schreibtisch seiner Frau und beschlagnahmt die Briefe. Heutzutage ein Unding, damals ein Kavaliersdelikt. Geschieden wird trotzdem und der betrogene Ehemann verhält sich ähnlich verletzt-bockig wie von Geert von Innstetten, doch Else die Kinder zu entfremden, schafft er nicht. Theodor Fontane mutet seiner Titelfigur da ein härteres Los zu. Effi Briest scheidet mit nur 29 Jahren aus dem Leben, Elisabeth von Ardenne stirbt, 99-jährig, am 6. Februar 1952.

 

An die Arbeit, Das 68. Notizbuch

Das 68. Notizbuch

„Ich will was mit Medien machen“, ist kein Zitat des jungen Theodor Fontanes gewesen. 200 Jahre später fasst es seine Arbeitsweise aber ziemlich gut zusammen.

67 Notizbücher Stoffsammlung hat er angehäuft. Einen Himalaya aus Notizen, Anekdoten, Zeitungs-Clippings, Zitaten, Ideen für Texte, Stichworten über Begegnungen, Beobachtungen – ff.  Dieser Blog ist #68, das erste virtuelle Notizbuch, nicht von ihm, sondern über Theodor Fontane – und seinen Roman „Effi Briest“, der einst – vielleicht etwas gestelzt – als Adoleszenzroman galt. Heutzutage verwendet die Literatur für diese Art Bücher das Label „coming of age“. Die Handlungsaufforderung dazu lautet: Nachlesen, wie jemand erwachsen wird.

Eff.i19 dokumentiert, wie jemand erwachsen wird, seinen Raum erweitert, und darüber schreibt.

Nachzulesen: Hier. Schülerinnen und Schüler aus Brandenburg machen sich in die Spur, Stoff für eine neue, eine moderne Fassung von Effi Briest zusammenzutragen, und ihre Geschichte als Fortsetzungsroman („ff.“) aus ihrer Sicht wiederzugeben. 2019 jährt sich Fontanes Geburtstag zum 200. Mal. Die Laudatio schenken wir uns und ehren ihn damit, seine Methode anzuwenden, weil sie zur Mediennutzung junger Menschen heute passt. Ein worldweites Feld, das ihm gerecht wird. Und uns auch.