An die Arbeit

Destination Dartford

Effi zieht es in die Welt. Mission open space. Von Cottbus reist sie nach England, wo ein Onkel lebt und bereit ist, die Nichte bei ihrem Start ins selbstbestimmte Leben zu unterstützen. Ihr Ziel heißt Dartford. Die Abreise ist allerdings noch der leichteste Teil des neuen Lebensabschnitts, wie sich bald herausstellt.

„Bist du sicher, dass wir dich nicht doch zum Flughafen fahren sollen?“
„Ja Papa, ich schaffe das alleine, wirklich!“
„Aber ruf uns an, sobald du in England bist, damit wir uns keine Sorgen machen!“
„Ja, Mama.“
„Hast du alles dabei? Deine Jacke? Es wird kälter.“
„Ja, Mama.“

So zog Effi los, den glänzenden Rollkoffer hinter sich herziehend, das Flugticket in der Tasche. Das sollte also die Zeit ihres Lebens sein. Bis jetzt war sie eher bedrückend und einsam gewesen.

Das Kofferrollen auf dem Bürgersteig war ein lautes, monotones Rauschen. Doch die Straßenbahnhaltestelle lag nicht weit entfernt. Effi warf einen Blick auf die Anzeigetafel. Ihre Bahn kam in vier Minuten. Effi machte ihre Jacke zu. Ihre Mutter hatte Recht gehabt, es war wirklich kalt. Ob die Temperaturen in England  angenehmer waren? Seeklima und so. Effi wagte es zu bezweifeln. Da hielt die Bahn unmittelbar vor ihr. Hastig zog sie den Griff ihres Koffers heraus, wandte sich der Tür zu und drückte den Knopf neben dem mittleren Abteil.

Die Bahn war komplett überfüllt. Die Luft war stickig und warm.
„Nun machen sie sich doch nicht so breit, junge Dame, andere Leute möchten auch noch einsteigen!“ Eine etwas ältere, dicke Frau schob sich unsanft an Effi vorbei und warf ihr einen abschätzigen Blick zu. Effi ignorierte sie, zog den Koffer jedoch ein kleines Stück näher zu sich heran.

Die Türen schlossen sich, die Bahn setzte sich in Bewegung.

„Sehr geehrte Fahrgäste“, brummte auf einmal die tiefe Stimme des Fahrers aus den Lautsprechern, „aufgrund eines Zwischenfalls auf den Gleisen nahe des Marktplatzes wird diese Bahn umgeleitet. Wir bitten alle Fahrgäste, die auf dem Weg zum Bahnhof sind, auszusteigen und mit der Linie 14 um 13:25 Uhr weiterzufahren.“

13:25 Uhr! Effis Zug, der sie vom Bahnhof zum Flughafen bringen sollte, fuhr um 13:19 Uhr. Verpasste sie ihn, würde sie auch ihren Flug verpassen. Die Türen der Tram öffneten sich. Effi stieg aus in die kühle Herbstluft. Widerwillig bahnte sie sich ihren Weg zur Haltestelle der Linie 14. Wieder das Rauschen der Kofferrollen auf dem Bürgersteig. Was nun? Effi überlegte einen winzigen Moment, ob sie nicht doch ihren Vater anrufen und fragen sollte, ob er sie zum Flughafen bringt?

Nein. Sie war frei und unabhängig. Sie würde ihren Eltern beweisen, dass sie ohne deren Hilfe auskam, selbst wenn sie erst morgen in Dartford ankommen würde. Seufzend ließ sie sich auf eine Bank fallen.

Big Miss Sunshine trifft Fräulein Fontane

Lange hält es Effi nicht auf der Bank. Sie fasst einen Entschluss: Nervennahrung kaufen. Ein Supermarkt liegt am Weg. Und Dartford auch bald (wieder).

Wütend warf Effi das Eis, eine Tafel Schokolade und drei Gummibärchentüten auf das Rollband. Die Frau vor ihr drehte sich um, musterte sie, dann die Sachen auf dem Band. Effi sah ihr trotzig ins Gesicht. Die Frau schien amüsiert. Sie hatte eine große runde silberne Brille auf der Nase und ein verwaschenes T-Shirt mit einem Peace-Zeichen an. Ihr Einkauf bestand aus sieben Tüten Chips, einen Maxieimer Popcorn, drei Tafeln Schokolade, zehn Gummibärchentüten und zwei Packungen Eis.
Als sie Effis erstaunten Gesichtsausdruck sah, lächelte sie und Grübchen zeichneten sich auf ihrem schmalen Gesicht ab.
„Da staunst du, was?“

Effi wandte sich sicherheitshalber um, die Schlange war lang, doch nein, die Hippiefrau hatte mit ihr geredet.
„Also ich hab ja schon Stress, aber Sie müssen den Weltuntergang vor sich haben!“ Sie deutete auf den Einkaufsberg der Peace-Dame.
Die lächelte noch breiter.
„Was für Stress?“
„Ich habe meinen Flug verpasst, wollte eigentlich nach England, aber bevor ich das meinen Eltern beibringe, mache ich noch einen drauf.“ Sie griff ins Regal an der Kasse und warf noch eine Packung Kaubonbons auf das Band, um ihre Aussage zu betonen.
„Das ist dein Glückstag“, kam es vom Hippie vor ihr, „meine Familie und ich wollen nach heute auch England, wir haben noch Platz im Wagen. Ich heiße Sunny.“
Effi zog eine Augenbraue hoch. Eine Fremde lud sie ein, mitzufahren. In ein Land, in dem sie noch nie gewesen war.
Hatten ihre Eltern ihr nicht immer gesagt, sie dürfe nicht mit Fremden gehen?
Effi lächelte. Dann nickte sie langsam. „Gerne. Danke.“

Nachdem beide ihre Einkäufe bezahlt hatten, die Effi die Hälfte ihres Budgets gekostet hatten, gingen sie zum Auto der Hippietante. Es war ein Bus. Ein riesiger bunter Wagen. Die Seitentür war aufgezogen. Davor standen eine Frau, zwei Männer, ein Mädchen, etwa 14 Jahre alt, und ein Junge im selben Alter.
Sunny stellte den Neuzugang vor: „Das ist . . . wie ist dein Name?“
„Effi“, kam die kurze Antwort.

„Effi, wie Effi Briest bei Theodor Fontane?“
Einer der Männer, kurze braune Haare, blickte sie fragend an.
Effi zögerte, antwortete dann aber: „Ja.“
„Cool“, gab er zurück. Er schien ehrlich beeindruckt.

„Das ist Effi“, fuhr Sunny fort. „Sie kommt mit uns nach England, weil sie ihren Flug verpasst hat.“
Kurze Stille, dann zustimmendes Nicken. Niemand stellte Sunnys Entscheidung infrage.
„Sie kann neben mir sitzen, Mami“, bot das Mädchen sogar an.
„Das ist nett, Vicky“, sagte die andere Frau. Sie hatte rotes, schulterlanges Haar.
„Dann komm Effi, ich zeig dir deinen Platz.“ Vicky stieg ein, Effi kletterte ihr nach ins Innere des Wagens. Der Bus war geräumig und hatte mehrere Sitzreihen. „Die hintere ist meine, du kannst dich dazu setzen“, navigierte Vicky.

Die Rothaarige hatte derweil Effis Koffer verstaut. „Hi nochmal, ich bin Eva“, wandte sie sich an Effi und streckte ihr die Hand hin. Effi schüttelte sie. Nacheinander stellten sie sich vor. Der Junge hieß Jo, hatte sehr blaue Augen und trug wie alle Jeans und ein T-Shirt. Der Mann, der Effi auf ihren Namen angesprochen hatte, hieß George. Der zweite Mann, dessen Name Ben war, hatte blau gefärbte Haare und ein Piercing in der rechten Augenbraue. Er trug ein Beatles-T-Shirt. Sobald er sprach, wusste man, dass er aus England kam. Der Akzent war nicht zu überhören.

Zusammen verstauten sie die Vorräte, die Süßigkeiten kamen ganz nach hinten zu Effi und Vicky. Nach ein paar Minuten Fahrt, in denen sich Vicky mit Effi unterhalten und ihr von ihren Reisen rund um den Globus erzählt hatte, immer in diesem alten Bus, unterbrach sie Eva: „Schatz, kannst du mir mal das Popcorn geben.“

„Klar Mama“, antwortete Vicky und balancierte den Eimer zu ihr vor.
Effi stutze. „Ich dachte Sunny ist deine Mutter?“
„Sie ist auch meine Mutter.“
„Wie kannst du zwei Mütter haben, das ist biologisch gar nicht möglich.“
Von der vorderen Sitzreihe kam von George: „Nicht, wenn die Mütter ein Paar sind.“
Effis Lippen formten einem lautloses „oh“. In ihrem Kopf machte es klick. Eine Regenbogenfamilie.
„Und du und Ben?“, erkundigte sie sich sicherheitshalber bei George.
„Ja“, antwortete er freundlich.
Effi grinste. Vicky musterte sie: „Möchtest du aussteigen?“
„Auf keinen Fall.“

 

Effi schwimmt sie frei

Effi sprang mehr aus dem Wagen, als dass sie ausstieg. Gekonnt landete sie einen Meter vor dem Bus und breitete die Arme aus. Freiheit. Luft. Es war nicht laut an Bord der Fähre, es war eher ein Murmeln, das sich mit dem Schwappen der Wogen zu einer beruhigenden Akustik vereinte. Beruhigend für alle, nur nicht für Effis Magen, der die Gummibärchen, die sie im Auto verputzt hatte, in die See entlassen wollte.
Nach und nach kamen ihre Mitreisenden aus dem Auto.
„Du fährst nicht oft Auto, oder?“ Ben lehnte sich locker gegen den Kleinbus. Die Fähre war riesig, noch immer tummelten sich einige Menschen an Bord. Andere schliefen schon in ihren Autos, die an Deck, unter dem weiten klaren Sternenhimmel standen. Effi lehnte sich an das Geländer. George stellte sich neben sie. Nur er und Jo waren geblieben, alle anderen wollten sich auf der Fähre umsehen.

„Du bist seekrank“, stellte George fest und musterte Effi mitfühlend.
„Nein“, begann sie – und übergab sich mit einem gurgelnden Geräusch. „Ihr seid frei, Gummitierchen, grüßt die weite Welt von mir“, würgte Effi hervor, bemüht, humorvoll zu sein.
George lachte tatsächlich: „Irgendwann geht es vorbei, keine Sorge. Weiß ich aus Erfahrung.“
Effi versuchte zu lächeln.
„Effi“, fuhr er fort, „genau, das wollte ich dich die ganze Zeit schon fragen. Wieso haben dich deine Eltern so genannt? Ich bin ein großer Fontane-Fan.“
Sie sank entlang der Reling langsam Richtung Boden und setzte sich.
„Meine Eltern auch. Sie lieben seine Werke, sie sind Literaturwissenschaftler und lehren an der Universität.“
„Cool.“ George hockte sich neben sie. „Du musst eine tolle Kindheit gehabt haben. Voller Bücher und Geschichten.“
Effi musterte ihn. Seine Liebe zur Literatur war ihm anzumerken.
„Nein“, sagte sie dann bestimmt, „es gab viele Geschichten, aber meine Eltern haben die vor allem auseinandergenommen. Wenn man einer Sechsjährigen die Bedeutung von These und Antithese erklärt, statt ihr die Geschichte einfach vorzulesen, findet sie das doof.“
„Oh“, sagte ihr Reisebegleiter.
„Oh“, echote Effi, plötzlich schlechter Laune.

Da klingelte ihr Handy. Effi zuckte, dann zog sie es aus der Jackentasche. Auf dem Display stand „Home“.
„Hi“, meldete sie sich.
„Hallo Effi, wir sind es. Warum meldest du dich nicht?“, hörte sie die Stimme ihrer Mutter. Ihr Vater murmelte etwas im Hintergrund. Heuchler, dachte Effi. Die waren bestimmt überglücklich, dass sie sie los waren.
„Bist du gut angekommen?“, fragte jetzt ihr Vater.
Effi sah sich um. Angekommen. Klar. „Ja, ich bin super angekommen und warte gerade auf den nächsten Zug, der mich zu Onkel Oliver bringt. Den davor habe ich leider verpasst“, log sie.
„Oh, Effi, du und deine Unpünktlichkeit. Was wäre, wenn du den Flug verpasst hättest?“, sagte ihre Mutter.
Effi lächelte. „Es wäre absolut schrecklich gewesen, den Flug zu verpassen. Zum Glück war es nur der Zug.“

George neben ihr schwieg, aber es sah so aus, als würde er gleich lachen. Effi stieß ihm den freien Ellenbogen in die Rippen und hob den Zeigefinger an die Lippen. George nickte.
„Also Mama, Papa, wir hören voneinander. Tschüss!“, beendete sie das Gespräch und legte auf.
„So gut verstehst du dich also mit deinen Eltern“, stellte George fest.
Effi lachte. „Ja, wir sind eine picture-perfect-Familie.“

Luisa, Tamina & Henriette

Fotos: flickr

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