Ein weites Feld

Der Ball beschließt das erste Kapitel

Fontane ist Unterrichtsstoff, häufig zum Leidwesen derer, die im Klassenzimmer oder im Seminarraum sitzen und zuhören (müssen). Angestaubt, preußisch, schwer zugänglich – schmeichelhaft sind die Assoziationen nicht. Eine Gruppe Studierender der FH Potsdam hat sich ein Jahr vorm Jubiläum Fontane200 mit dem Dichter befasst, orientiert an der Frage: Warum eigentlich Fontane? Die Ergebnisse machen Lust, 2019 zu feiern. Neue pfiffige Buchcover für die Klassiker, ein Memory zum viel zitierten „weiten Feld“, oder der Vergleich historischer Kontaktanzeigen mit dem, was wir heutzutage auf Tinder preisgeben, beweisen: Fontane lässt sich modern spielen!
Nicole Krüger studiert im Master Europäische Medienwissenschaft in Potsdam und war eine Teilnehmerin des Projekts. Sie hat sich – auch – mit Effi Briest befasst und dem neuen Lebensabschnitt, der für junge Frauen mit dem Ende der Schulzeit beginnt. Nicole sprach mit Abiturientinnen aus Werder an der Havel und fotografierte sie am Abend ihres Abiballs. Ein Erfahrungsbericht.

Warum eigenlich Fontane? Die Mark erwandert haben die Studierenden der FH Potsdam auch, und währenddessen ganz „fontanesk“ Eindrücke gesammelt, wie sich das Werk des Dichters in einen zeitgenössischen Kontext übersetzen lässt.

Ursprünglich komme ich aus Brandenburg, im Landkreis Oberhavel bin ich aufgewachsen und zur Schule gegangen. Während der Schulzeit bin ich natürlich mit Fontanes Werken in Berührung gekommen, jedoch musste ich nie einen ganzen Roman lesen. Ich habe das Thema eher als trocken in Erinnerung behalten. Was mich am Kurs zunächst doch gereizt hat, waren der Titel und die inhaltliche Beschreibung „wir können uns die Jubiläen nicht aussuchen aber vielleicht das Beste daraus machen und für uns selbst und andere neue Zugänge erschließen“.

So hat sich dieses Projekt entwickelt, als eine Art experimenteller Raum, in dem sowohl die Person Fontanes als auch seine Werke in neue Formate übersetzt wurden und eine differenzierte Auseinandersetzung möglich war.

Mein eigener Abiball fand 2012 statt. Wir feierten eher unspektakulär in einer Turnhalle. Es war ein schöner Abend und ich trug ein kurzes, schwarzes Kleid, das ich einen Tag vorher in einem Outlet-Center in Berlin gekauft hatte. Ich hatte Wochen vorher nach einem passenden Kleid gesucht aber bin dann doch erst so kurzfristig fündig geworden. Mein Kleid hängt tatsächlich noch bei mir im Schrank, obwohl ich es nach meinem Abiball kein zweites Mal getragen habe.

Ich war damals sehr positiv gestimmt, weil ich nach dem Abschluss für ein paar Wochen verreist bin und für die Zeit danach beriets ein Praktikum in einem Fotostudio vereinbart hatte. Daher wusste ich, was mich erwartet. Ich freute mich zunächst darauf, die Unsicherheit kam erst, als mir während der Arbeit bewusst wurde, dass Studiofotografie absolut nicht mein Ding ist. Da musste ich mich neu orientieren.

Aufbruch kann Vieles bedeuten, man assoziiert damit zunächst einen Anfang oder eine Veränderung, etwa den Beginn eines neuen Lebensabschnitts.

Ein Aufbruch gibt keine Richtung vor. Es steckt der Bruch darin, man schließt etwas ab, lässt eine bestimmte Lebensphase hinter sich und widmet sich etwas Neuem. Fontane hat in einigen seiner Romane bedeutsame Wendepunkte im Leben junger Frauen thematisiert, auch bei Effi Briest, die zunächst in eher freudiger Erwartung die Ehe mit Innstetten eingeht, die Vermählung jedoch den Beginn ihrer tragischen Geschichte markiert.

Es geht in meiner Arbeit nicht nur um den Bezug zu Effi Briest, sondern um die Stellung und die eingeschränkten Möglichkeiten der Frauen zu Fontanes Zeit. Für die Frauen in meiner Arbeit ist der Abschlussball ein Punkt, von dem an sie selbstbestimmt ihr Leben in die eigenen Hände nehmen können, anders als vor 150 Jahren. Alle haben große und sehr unterschiedliche Pläne was ihre Zukunft betrifft.

Es war für mich keine Überraschung, wie wichtig den jungen Frauen dieser Abend und vor allem ihr Outfit war. Wenn ich an meinen Abiball zurückdenke, war das zwar noch nicht ganz so ausgeprägt, aber der Trend aus den USA einen unvergessenen und pompösen Prom zu feiern, scheint sich von Jahr zu Jahr zu steigern.

Die meisten Frauen hatten eine klare Vorstellung von ihrer Zukunft. Viele wollten verreisen und im Anschluss eine Ausbildung oder ein Studium beginnen. Generell wirkten sie alle schon sehr erwachsen und bewusst was ihre Entscheidungen betrifft. Auch die Wahl des Kleides schien zum jeweiligen Charakter zu passen. Ich habe mich in der Recherchephase intensiv mit anderen fotografischen Arbeiten zum Thema Abschlussball auseinandergesetzt, sowie mit Arbeiten, die junge Frauen in der Übergangsphase hin zum Erwachsenwerden zeigen.

Tanz- bzw. Heiratsbälle vor 150 Jahren und heutige Abschlussbälle lassen sich nicht in einen Topf werfen. Sie haben zwar eine Gemeinsamkeit, denn sie markieren einen Wendepunkt im Leben der jungen Frauen, dieser könnte mittlerweile kaum unterschiedlicher sein.

Heutzutage geht es vor allem darum, noch einmal gemeinsam zu feiern: Schüler, Lehrer, Eltern, Freunde und Verwandte kommen zusammen, um die Leistung der AbiturientInnen anzuerkennen. Der Ball markiert auch den Abschied, nicht nur von der Schulzeit, zum großen Teil auch vom Elternhaus, das die meisten in den Wochen und Monaten nach dem Schulabschluss verlassen.

Fotos: Nicole Krüger /FH Potsdam

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