An die Arbeit

Destination Dartford

Effi zieht es in die Welt. Mission open space. Von Cottbus reist sie nach England, wo ein Onkel lebt und bereit ist, die Nichte bei ihrem Start ins selbstbestimmte Leben zu unterstützen. Ihr Ziel heißt Dartford. Die Abreise ist allerdings noch der leichteste Teil des neuen Lebensabschnitts, wie sich bald herausstellt.

„Bist du sicher, dass wir dich nicht doch zum Flughafen fahren sollen?“
„Ja Papa, ich schaffe das alleine, wirklich!“
„Aber ruf uns an, sobald du in England bist, damit wir uns keine Sorgen machen!“
„Ja, Mama.“
„Hast du alles dabei? Deine Jacke? Es wird kälter.“
„Ja, Mama.“

So zog Effi los, den glänzenden Rollkoffer hinter sich herziehend, das Flugticket in der Tasche. Das sollte also die Zeit ihres Lebens sein. Bis jetzt war sie eher bedrückend und einsam gewesen.

Das Kofferrollen auf dem Bürgersteig war ein lautes, monotones Rauschen. Doch die Straßenbahnhaltestelle lag nicht weit entfernt. Effi warf einen Blick auf die Anzeigetafel. Ihre Bahn kam in vier Minuten. Effi machte ihre Jacke zu. Ihre Mutter hatte Recht gehabt, es war wirklich kalt. Ob die Temperaturen in England  angenehmer waren? Seeklima und so. Effi wagte es zu bezweifeln. Da hielt die Bahn unmittelbar vor ihr. Hastig zog sie den Griff ihres Koffers heraus, wandte sich der Tür zu und drückte den Knopf neben dem mittleren Abteil.

Die Bahn war komplett überfüllt. Die Luft war stickig und warm.
„Nun machen sie sich doch nicht so breit, junge Dame, andere Leute möchten auch noch einsteigen!“ Eine etwas ältere, dicke Frau schob sich unsanft an Effi vorbei und warf ihr einen abschätzigen Blick zu. Effi ignorierte sie, zog den Koffer jedoch ein kleines Stück näher zu sich heran.

Die Türen schlossen sich, die Bahn setzte sich in Bewegung.

„Sehr geehrte Fahrgäste“, brummte auf einmal die tiefe Stimme des Fahrers aus den Lautsprechern, „aufgrund eines Zwischenfalls auf den Gleisen nahe des Marktplatzes wird diese Bahn umgeleitet. Wir bitten alle Fahrgäste, die auf dem Weg zum Bahnhof sind, auszusteigen und mit der Linie 14 um 13:25 Uhr weiterzufahren.“

13:25 Uhr! Effis Zug, der sie vom Bahnhof zum Flughafen bringen sollte, fuhr um 13:19 Uhr. Verpasste sie ihn, würde sie auch ihren Flug verpassen. Die Türen der Tram öffneten sich. Effi stieg aus in die kühle Herbstluft. Widerwillig bahnte sie sich ihren Weg zur Haltestelle der Linie 14. Wieder das Rauschen der Kofferrollen auf dem Bürgersteig. Was nun? Effi überlegte einen winzigen Moment, ob sie nicht doch ihren Vater anrufen und fragen sollte, ob er sie zum Flughafen bringt?

Nein. Sie war frei und unabhängig. Sie würde ihren Eltern beweisen, dass sie ohne deren Hilfe auskam, selbst wenn sie erst morgen in Dartford ankommen würde. Seufzend ließ sie sich auf eine Bank fallen.

Big Miss Sunshine trifft Fräulein Fontane

Lange hält es Effi nicht auf der Bank. Sie fasst einen Entschluss: Nervennahrung kaufen. Ein Supermarkt liegt am Weg. Und Dartford auch bald (wieder).

Wütend warf Effi das Eis, eine Tafel Schokolade und drei Gummibärchentüten auf das Rollband. Die Frau vor ihr drehte sich um, musterte sie, dann die Sachen auf dem Band. Effi sah ihr trotzig ins Gesicht. Die Frau schien amüsiert. Sie hatte eine große runde silberne Brille auf der Nase und ein verwaschenes T-Shirt mit einem Peace-Zeichen an. Ihr Einkauf bestand aus sieben Tüten Chips, einen Maxieimer Popcorn, drei Tafeln Schokolade, zehn Gummibärchentüten und zwei Packungen Eis.
Als sie Effis erstaunten Gesichtsausdruck sah, lächelte sie und Grübchen zeichneten sich auf ihrem schmalen Gesicht ab.
„Da staunst du, was?“

Effi wandte sich sicherheitshalber um, die Schlange war lang, doch nein, die Hippiefrau hatte mit ihr geredet.
„Also ich hab ja schon Stress, aber Sie müssen den Weltuntergang vor sich haben!“ Sie deutete auf den Einkaufsberg der Peace-Dame.
Die lächelte noch breiter.
„Was für Stress?“
„Ich habe meinen Flug verpasst, wollte eigentlich nach England, aber bevor ich das meinen Eltern beibringe, mache ich noch einen drauf.“ Sie griff ins Regal an der Kasse und warf noch eine Packung Kaubonbons auf das Band, um ihre Aussage zu betonen.
„Das ist dein Glückstag“, kam es vom Hippie vor ihr, „meine Familie und ich wollen nach heute auch England, wir haben noch Platz im Wagen. Ich heiße Sunny.“
Effi zog eine Augenbraue hoch. Eine Fremde lud sie ein, mitzufahren. In ein Land, in dem sie noch nie gewesen war.
Hatten ihre Eltern ihr nicht immer gesagt, sie dürfe nicht mit Fremden gehen?
Effi lächelte. Dann nickte sie langsam. „Gerne. Danke.“

Nachdem beide ihre Einkäufe bezahlt hatten, die Effi die Hälfte ihres Budgets gekostet hatten, gingen sie zum Auto der Hippietante. Es war ein Bus. Ein riesiger bunter Wagen. Die Seitentür war aufgezogen. Davor standen eine Frau, zwei Männer, ein Mädchen, etwa 14 Jahre alt, und ein Junge im selben Alter.
Sunny stellte den Neuzugang vor: „Das ist . . . wie ist dein Name?“
„Effi“, kam die kurze Antwort.

„Effi, wie Effi Briest bei Theodor Fontane?“
Einer der Männer, kurze braune Haare, blickte sie fragend an.
Effi zögerte, antwortete dann aber: „Ja.“
„Cool“, gab er zurück. Er schien ehrlich beeindruckt.

„Das ist Effi“, fuhr Sunny fort. „Sie kommt mit uns nach England, weil sie ihren Flug verpasst hat.“
Kurze Stille, dann zustimmendes Nicken. Niemand stellte Sunnys Entscheidung infrage.
„Sie kann neben mir sitzen, Mami“, bot das Mädchen sogar an.
„Das ist nett, Vicky“, sagte die andere Frau. Sie hatte rotes, schulterlanges Haar.
„Dann komm Effi, ich zeig dir deinen Platz.“ Vicky stieg ein, Effi kletterte ihr nach ins Innere des Wagens. Der Bus war geräumig und hatte mehrere Sitzreihen. „Die hintere ist meine, du kannst dich dazu setzen“, navigierte Vicky.

Die Rothaarige hatte derweil Effis Koffer verstaut. „Hi nochmal, ich bin Eva“, wandte sie sich an Effi und streckte ihr die Hand hin. Effi schüttelte sie. Nacheinander stellten sie sich vor. Der Junge hieß Jo, hatte sehr blaue Augen und trug wie alle Jeans und ein T-Shirt. Der Mann, der Effi auf ihren Namen angesprochen hatte, hieß George. Der zweite Mann, dessen Name Ben war, hatte blau gefärbte Haare und ein Piercing in der rechten Augenbraue. Er trug ein Beatles-T-Shirt. Sobald er sprach, wusste man, dass er aus England kam. Der Akzent war nicht zu überhören.

Zusammen verstauten sie die Vorräte, die Süßigkeiten kamen ganz nach hinten zu Effi und Vicky. Nach ein paar Minuten Fahrt, in denen sich Vicky mit Effi unterhalten und ihr von ihren Reisen rund um den Globus erzählt hatte, immer in diesem alten Bus, unterbrach sie Eva: „Schatz, kannst du mir mal das Popcorn geben.“

„Klar Mama“, antwortete Vicky und balancierte den Eimer zu ihr vor.
Effi stutze. „Ich dachte Sunny ist deine Mutter?“
„Sie ist auch meine Mutter.“
„Wie kannst du zwei Mütter haben, das ist biologisch gar nicht möglich.“
Von der vorderen Sitzreihe kam von George: „Nicht, wenn die Mütter ein Paar sind.“
Effis Lippen formten einem lautloses „oh“. In ihrem Kopf machte es klick. Eine Regenbogenfamilie.
„Und du und Ben?“, erkundigte sie sich sicherheitshalber bei George.
„Ja“, antwortete er freundlich.
Effi grinste. Vicky musterte sie: „Möchtest du aussteigen?“
„Auf keinen Fall.“

 

Effi schwimmt sie frei

Effi sprang mehr aus dem Wagen, als dass sie ausstieg. Gekonnt landete sie einen Meter vor dem Bus und breitete die Arme aus. Freiheit. Luft. Es war nicht laut an Bord der Fähre, es war eher ein Murmeln, das sich mit dem Schwappen der Wogen zu einer beruhigenden Akustik vereinte. Beruhigend für alle, nur nicht für Effis Magen, der die Gummibärchen, die sie im Auto verputzt hatte, in die See entlassen wollte.
Nach und nach kamen ihre Mitreisenden aus dem Auto.
„Du fährst nicht oft Auto, oder?“ Ben lehnte sich locker gegen den Kleinbus. Die Fähre war riesig, noch immer tummelten sich einige Menschen an Bord. Andere schliefen schon in ihren Autos, die an Deck, unter dem weiten klaren Sternenhimmel standen. Effi lehnte sich an das Geländer. George stellte sich neben sie. Nur er und Jo waren geblieben, alle anderen wollten sich auf der Fähre umsehen.

„Du bist seekrank“, stellte George fest und musterte Effi mitfühlend.
„Nein“, begann sie – und übergab sich mit einem gurgelnden Geräusch. „Ihr seid frei, Gummitierchen, grüßt die weite Welt von mir“, würgte Effi hervor, bemüht, humorvoll zu sein.
George lachte tatsächlich: „Irgendwann geht es vorbei, keine Sorge. Weiß ich aus Erfahrung.“
Effi versuchte zu lächeln.
„Effi“, fuhr er fort, „genau, das wollte ich dich die ganze Zeit schon fragen. Wieso haben dich deine Eltern so genannt? Ich bin ein großer Fontane-Fan.“
Sie sank entlang der Reling langsam Richtung Boden und setzte sich.
„Meine Eltern auch. Sie lieben seine Werke, sie sind Literaturwissenschaftler und lehren an der Universität.“
„Cool.“ George hockte sich neben sie. „Du musst eine tolle Kindheit gehabt haben. Voller Bücher und Geschichten.“
Effi musterte ihn. Seine Liebe zur Literatur war ihm anzumerken.
„Nein“, sagte sie dann bestimmt, „es gab viele Geschichten, aber meine Eltern haben die vor allem auseinandergenommen. Wenn man einer Sechsjährigen die Bedeutung von These und Antithese erklärt, statt ihr die Geschichte einfach vorzulesen, findet sie das doof.“
„Oh“, sagte ihr Reisebegleiter.
„Oh“, echote Effi, plötzlich schlechter Laune.

Da klingelte ihr Handy. Effi zuckte, dann zog sie es aus der Jackentasche. Auf dem Display stand „Home“.
„Hi“, meldete sie sich.
„Hallo Effi, wir sind es. Warum meldest du dich nicht?“, hörte sie die Stimme ihrer Mutter. Ihr Vater murmelte etwas im Hintergrund. Heuchler, dachte Effi. Die waren bestimmt überglücklich, dass sie sie los waren.
„Bist du gut angekommen?“, fragte jetzt ihr Vater.
Effi sah sich um. Angekommen. Klar. „Ja, ich bin super angekommen und warte gerade auf den nächsten Zug, der mich zu Onkel Oliver bringt. Den davor habe ich leider verpasst“, log sie.
„Oh, Effi, du und deine Unpünktlichkeit. Was wäre, wenn du den Flug verpasst hättest?“, sagte ihre Mutter.
Effi lächelte. „Es wäre absolut schrecklich gewesen, den Flug zu verpassen. Zum Glück war es nur der Zug.“

George neben ihr schwieg, aber es sah so aus, als würde er gleich lachen. Effi stieß ihm den freien Ellenbogen in die Rippen und hob den Zeigefinger an die Lippen. George nickte.
„Also Mama, Papa, wir hören voneinander. Tschüss!“, beendete sie das Gespräch und legte auf.
„So gut verstehst du dich also mit deinen Eltern“, stellte George fest.
Effi lachte. „Ja, wir sind eine picture-perfect-Familie.“

Luisa, Tamina & Henriette

Fotos: flickr

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Alles auf Anfang!

Das Fontanejahr 2019 ist angebrochen! Jetzt zählt es. Eine Kollegin des rbb, Julia Baumgärtel, hat sich umgesehen wer alles dabei ist, das Jubiläum würdig zu entstauben. Das Kamerateam landete auch in der Werkstatt des eff.i19-Schreibteams aus Frankfurt. Hier kommt der Clip, in dem außerdem Fontanes Rinderkraftbrühe serviert wird und Poeten zu Wort kommen, die „nicht die Asche anbeten“ wollen – sondern die Flamme schüren.

 

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Durch Mark und Bein

Die Landschaften Brandenburgs – genau, im Plural, es gibt nicht DIE eine – haben bereits Wanderer Fontane herausgefordert. Seine Formulierung vom „weiten Feld“, die er Vater Briest in den Mund legte, bezog sich zwar auf die Natur der Gesellschaft, aber bedingt nicht eins das andere? Brandenburgs Gemütsaggregatzustände gehen Künstlern durch Mark und Bein, egal, in welcher Epoche sie leb(t)en, von Johann Sebastian Bach bis Rainald Grebe, spätestens der hat das Land musikalisch „geadelt“. Kein Zufall, dass er inzwischen auch dort lebt. Das weite Feld hat unsere Effi satt, gründlich: „Kaff, Dorf, Land, öde, leer, nix los“, so verschlagworten die Mitglieder der Potsdamer SLB-Schreibwerkstatt Hohen Cremmen in ihrer Fantasie. Effi zieht es nach Berlin. Fortsetzung folgt!

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An die Arbeit

Extraschicht mit Effi

Nachts kreativ sein? Das Team aus Prenzlau hat’s ausprobiert und in einer „Langen-Effi-Briest-Nacht“ am 5. Dezember seinen Abschnitt weitergeschrieben. Hier ein Streiflicht:

„Effi ist unglücklich mit einem karrierebewussten Banker verheiratet.
Sie besucht mit ihrem Mann die Weihnachtsfeier der Firma ihres Mannes. Ist ein bisschen angetrunken.
Ihr Mann muss weg, weil sein Papa auf einmal im Krankenhaus liegt.
Sie unterhält sich mit einem interessanten Mann. Dieser Mitarbeiter der Arbeitsstelle ihres Mannes redet mit ihr und bietet ihr an, bei ihm mitzufahren,
Die Freundin von Effi fährt in der Limousine mit Chauffeur mit. Die Freundin steigt an ihrem Zielort aus. Effi und der Mitarbeiter fahren weiter.
Auf dem Weg zu Effis „Nach Hause“ reden sie viel.
Effi wünscht, ihr Mann wäre auch so wie Andreas, ein Mitarbeiter ihres Mannes.
Effi verliebt sich ein bisschen.
Andreas will aber nur Spiel und Spaß.
Die beiden küssen sich im Auto.
Effi ist so aufgeregt und auch betrunken, dass sie aussteigt und sich erbrechen muss.
Sie rennt dennoch ins Haus. Sie freut sich ein bisschen über den Kuss, aber sie schämt sich auch, dass sie „fremdgegangen“ ist.

Effi bekommt oft Nachrichten von Andreas
Ihr Mann bekommt davon nichts mit.“

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Nach dem Side-Cut ist vor dem Schnitt

Ein Kamerateam des rbb Fernsehen hat die Gruppe aus Frankfurt besucht und bei der Arbeit an ihrem Abschnitt der modernen Effi begleitet. Der Beitrag ist vorgesehen als Teil einer Auftaktsendung zum Fontanejahr 2019 und wird zwischen den Jahren gesendet. Wir teilen ihn hier, sobald er in der Mediathek steht!

Veronika aus dem Frankfurter Team fasst ihre Eindrücke zusammen:

„Wir waren alle richtig nervös, denn es war für uns alle das erste Mal, dass wir im Fernsehen waren. Wir hatten plötzlich das Angebot bekommen und spontan zugesagt. Als der große Tag da war, waren wir so ziemlich die ganze Zeit über angespannt und unruhig- wir fühlten uns etwas unter Druck, weil wir im Fernsehen so selbstbewusst und professionell wie möglich auftreten wollten. Gleichzeitig fühlten wir uns auch eingeengt von der Kamera, wenn sie neben uns stand, und wir verspürten alle ein wenig den Drang, die Atmosphäre aufzulockern . . .

Aber es klappte alles. Wir schafften es sogar, noch mehr als sonst während der Treffen für das eff.i19-Projekt fertigzustellen. Auch die Interviews mit den Leuten von rbb verliefen viel besser als gedacht und wir vermittelten dann wohl doch einen recht anständigen Eindruck.
Nachdem das Fernsehteam gegangen war, fühlten wir uns erstmal erleichtet – unsere ganze Anspannung hatte sich gelöst. Es ist eben doch am besten, wenn wir die gemütliche Schreibkursstimmung im Raum haben, die irgendwie  nur existiert, wenn wir unter uns sind. 🙂 Trotzdem war es mal eine ganz andere Erfahrung.“
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Der Moment des Side Cuts

Nachdem wir unseren Abschnitt gelesen hatten, wollten wir am liebsten gleich mit dem Schreiben beginnen. Doch schnell kamen Fragen auf: Wie wird die Effi im Jahre 2019 sein? Sollten wir eine gemeinsame Figur haben oder jede seine eigene? Wir entschieden uns, gemeinsam eine Figur zu entwickeln. Was in der Diskussion noch kompliziert klang, geschah dann fast selbstverständlich. Jede steuerte ein paar Eigenschaften und Hintergrundinformationen bei, sodass sich bald darauf ein stimmiges Bild ergab. Die gerade entstandene Effi begeisterte uns sofort. Spontan suchte sich jede von uns eine Schlüsselszene aus Effis Leben aus, die sie unbedingt schreiben wollte. Hier der nächste Beitrag des Teams aus Cottbus:

Der Bass dröhnte und warf Wellen über die tanzenden Schulabgänger. Ab und zu hörte man eine Stimme hervorstechen, die dann sowas rief wie „Scheiß Schule!“ oder es wurde betrunken „Ich liebe euch, Leute“ ins Mikro der Band gelallt. Die Stimmung war toll und die Musik laut. Effi schlug sich ihren Weg über die Tanzfläche, die dutzend Lichter, die über die bebende Menge blitzten, brachten ihr neongelbes Haar zum Leuchten. Am anderen Ende des Saals warf sie sich geschafft auf eines der dort stehenden Sofas.

„Wow, wie geil ist das hier!“ Effi nahm ihrem Klassenkameraden Finn die Bierflasche aus der Hand und leerte sie in einem Zug. Finn grinste dämlich: „Ja, total cool!“

Sofie, oder einfach S, aus der Parallelklasse bemerkte: „Effi, was hast du mit deinen Haaren gemacht?“

Finn mischte sich wieder ein: „Das sieht echt übelst nice aus.“

„Danke.“ Effi lehnte sich in das viel zu weiche Sofa. Sie schloss die Augen und fühlte den Bass wie einen Herzschlag in ihrer Brust. Es hatte etwas Beruhigendes, was einen gleichzeitig mega elektrisierte.

„Leute, wer gibt mir ein Bier, ich habe Lust zu feiern!“ Ein begeistertes Jubeln ging durch die Gruppe und man drückte Effi ein warmes Bier in die Hand. Fast feierlich hob sie die Flasche, worauf ihre Freunde die ihren dagegen schlugen. Das Glas der Flaschen klirrte und sie tranken, dann wurde wieder getanzt, bis keiner mehr wusste, wieviel Uhr es war, da sie alle geschworen hatten, keine Uhr mitzubringen, damit sie das Gefühl haben konnten, die Party würde ewig dauern. Irgendwann hatten sie sich alle auf eines der alten Sofas gequetscht und stellten ein weiteres gegenüber, sodass jeder Platz hatte. Effi saß auf der oberen Lehne des dazugestellten Sofas. Ben, ein totaler Streber, der zu tief in die Flasche geschaut hatte, reckte theatralisch die Hände gen Hallendecke und rief: „Zukunft!“

Schlagartig wurde es still.

„Also ich werde Arzt.“

Jubel brandete auf.

„Architekt“, kam es von der gegenüberliegenden Ecke des Sofas.

„Designerin!“, schrie Sofie.

Und das löste eine Welle aus, jeder schrie seinen Wunschberuf. Effi aber saß stumm da, wie geschockt. Dann packte sie ihre Jacke und ging.

Tamina

In ihrem Kopf herrschte gähnende Leere. Zwar war in den vergangenen Stunden viel passiert, doch alles war momentan unwichtig, denn das Einzige, woran sie dachte, war das kuschelig weiche Bett in ihrem Zimmer. Träge rührte sie ihren pechschwarzen Kaffee um. Das vorwurfsvolle Schweigen, welches in der Luft hing, drückte nur ansatzweise aus, wie die Spannung zwischen Effi und ihren Eltern knisterte. Ihr Vater räusperte sich und spielte nervös mit dem Teelöffel herum. Das war seine typische Art, wenn er sehr zornig war, nur nicht wusste, wie er es ausdrücken konnte.

„Tja Effi“, begann er zögernd, „du hast uns also gar nichts zu sagen?“

Effi hielt mit dem Umrühren inne und sah ihren Vater genervt an.

„Nein“, sagte sie frech und starrte wieder auf ihren Kaffee. Ihr Kopf dröhnte. Das würde der schlimmste Kater werden, den sie je hatte.

„Ich glaube schon“, zischte ihre Mutter mit eisiger Stimme. Ihr Hals war mit roten Flecken übersät. „Was zum Teufel hast du mit deinen Haaren angestellt!? Bist du völlig irre geworden? Was sollen bloß unsere Nachbarn von dir halten? Ich höre sie schon flüstern! Weißt du eigentlich, dass du schon genug Missbilligung bekommst?“
Sie hörte auf zu sprechen. Zu sehr regte sie sich auf.

„Dann kommt wenigstens etwas Farbe rein“, erwiderte Effi kühl. „Meine Haare, finde ich, passen doch super gut in unsere Spießersiedlung. Außerdem ist das nicht eure Angelegenheit. Ich bin 18! Schon vergessen?“ Ihre Mutter warf ihr einen Todesblick zu. „Wir haben nichts dagegen, wenn du dir die Haare färbst. Wir sind schließlich auch künstlerisch.“

„Genau. Hättest du was gesagt, wäre ich mit dir auch zum Friseur gegangen. Dann sähest du wenigstens nicht… so aus“, warf ihr Vater mit einem gequälten Lächeln ein.

„Ich mag meine Haare, wie sie sind, denn Side-Cuts sind cool und jetzt habe ich endlich den Mut dazu.“

Ihre Eltern sahen sich an und ihre Mutter fragte mit zusammengekniffenen Augen: „Hast du dir überhaupt mal Gedanken über deine Zukunft gemacht? Ich meine… 1,9 Abi! Damit kannst du was machen. Was hälst du von Literatur? Sie ist sehr interessant“, fing ihre Mutter an zu schwärmen.

Schwungvoll stand Effi auf. „Weißt du was? Ich habe mir noch keine Gedanken gemacht, sondern genieße erstmal das Leben.“Dann verließ sie die Küche, vergaß nicht, die Tür noch einmal heftig zum Unterstreichen ihrer Worte zuzuknallen.

Henriette

Die schwere Holztür knarrte leise, als Effi sie öffnete. Sofort zog sie ihre Stiefel aus und warf sie in eine Ecke neben ihrem Schreibtisch. Auf ihm befanden sich ausschließlich ein bunt beklebter Laptop, ein Notizbuch und ein kleines Glas mit zwei Bleistiften und einem Kugelschreiber darin. Die vielen Schubladen daneben hatte sie nie gebraucht. Sie besaß einfach nichts, wofür man sie nutzen könnte und so blieben sie leer. Dabei boten sie so viel Stauraum für verschiedenste Dinge, die nur sie etwas angingen und außerdem mochte Effi das Geräusch, wenn man sie auf- und zuzog. Auch die beiden Regale über dem Schreibtisch waren beinahe leer. Es lagen nur ein paar Quittungen darauf, die sie nie entsorgt hatte. Effi setzte auf Minimalismus, es war einfach so viel praktischer. Außerdem besaß sie so nicht viele Dinge, an die sie denken oder um die sie sich sorgen musste.

Das Bett schien frisch bezogen zu sein. Wahrscheinlich hatte es ihre Mutter nicht mehr mit ansehen können und Effis Lieblingsbezüge nach langer Diskussion doch selbst gewaschen. Alles in allem wirkte das Zimmer eher befremdlich und Effi sah es schon lange nicht mehr als ihren Rückzugsort an. Bei ihren Freunden fühlte sie sich zu Hause. Doch hier geisterten nur ihre aufgedrehten Eltern herum, die ihr sowieso nur alles ausreden und verbieten wollten. Nein, das hier war nicht ihr Zuhause.

Mit einem lauten Seufzen ließ sie sich auf ihr Bett fallen und schloss für einen Moment die Augen.

Luisa

Sie schwenkte ihr Sektglas und beobachtete das Licht, wie es sich darin spiegelte und auf die weißen Fliesen tanzende Punkte warf. In einem Schluck trank sie das Glas leer und stellte es auf einem Stuhl ab, von dem sich gerade ein älterer Herr erhoben hatte. Dann drehte sie sich fort und hörte das Glas auf den Boden scheppern, lief jedoch weiter, als wäre sie an diesem Geschehen völlig unbeteiligt gewesen. Ihre roten Lackpumps gaben ein Klacken von sich, als sie über die Fliesen trat und dabei dramatisch mit den Hüften wackelte und allen zuwinkte, die sie dabei irritiert anstarrten. Sie gesellte sich zu einem Pärchen. Die beiden hielten sich an der Taille, als würden sie sonst auseinander fallen. Sie standen vor einem Gemälde, das so aussah, als hätte jemand einen Faden in rote Farbe getunkt und dann auf das weiße Papier geworfen. Das Pärchen unterhielt sich angeregt, sie gestikulierten mit ihren freien Händen und sahen dabei so angestrengt und konzentriert aus, als hätten sie ihre zärtliche Geste vergessen. Ihr Gebrabbel wurde langsam zu der absurden Interpretation, dass der rote Faden eine Ader wäre, eine Arterie, der Fluss des Lebens und Blut würde einen quasi anspritzen, wenn man das Gemälde ansehe.

„In der Tat“, sagte auf einmal Effi und sofort beendeten die beiden ihr Gespräch und schauten zu ihr, „Ich kann es förmlich spüren, wie mir ein Vampir das Blut aus den Adern saugt und dann mitten ins Gesicht spuckt.“

Der Mann und die Frau starrten sie an.

„Ungefähr so.“ Sie sog die Luft ein, gab ein Geräusch von sich, als würde sie Rotz hochziehen und tat so, als würde sie auf das Bild spucken.
Die Frau neben ihr hielt sich die freie Hand auf die Brust und ächzte, doch sie seufzte, als die erwarteten Spucketropfen ausblieben.

„Spüren Sie es auch?!“, fragte Effi.
„Nun… eine sehr gewagte Interpretation…“, sagte der Mann.
„. . . und dann noch so ungewöhnlich dargestellt“, sagte die Frau.
„Jaja, ungewöhnlich und gewagt sind mein zweiter und dritter Vorname!“
„Aha.“
„Na dann, auf Wiedersehen. Es war angenehm, Sie kennenzulernen.“

Effi stolzierte weiter und entdeckte ihre Eltern im Getümmel. Sie zog leicht am Jackettärmel ihres Vaters.

„Guten Tag, Herr Papa“, sagte sie.
„Benimmst du dich auch, Effi?“, fragte er.
„Aber natürlich. Immer doch.“

Swantje

Fotos: privat (1) / flickr

An die Arbeit

Queen auf voller Lautstärke

Größe: 1,67 Meter – Lieblingsoutfit: Jeansjacke – Lieblingslektüre: Reiseblogs – Anti-Frust-Strategie: Schaukeln – Vision: Weltreise mit Crampas – Soundtrack: „Queen auf voller Lautstärke“. Die Potsdamerinnen aus der Schreibwerkstatt der SLB entwerfen ihre Effi auf dem Absprung, zunächst nach Berlin. Mit einem Sprungbrett namens Geert von Innstetten. Alle Steckbriefe der Titelheldin gibt es hier und Vickys direkt:

Wie groß ist Effi? 1,67 Meter – Welche Klamotten trägt sie? Zum Abiball ein langes, schlichtes dunkelblaues Kleid, im Alltag Jeans und T-Shirt, am liebsten bunt – Welche Musik hört sie? Indie, Rock, Pop, 60er, 70er (Beatles, Queen…) – Was erwartet sie vom Leben? Sie will möglichst viel sehen und erleben, sich selbst verwirklichen, Freiheit leben – Wovor hat sie Angst? Einerseits vor Einsamkeit, ohne Ausweg vor dem Nichts zu stehen, andererseits irgendwo fest zustecken, ohne wirklich die Welt gesehen zu haben und ohne Möglichkeit, wirklich frei zu entscheiden – Wonach sehnt sie sich? Selbstständigkeit und Freiheit bei allen Entscheidungen, etwas für andere tun zu können, Verständnis: von Innstetten, aber auch generell, dass jemand wirklich an ihrem Leben interessiert ist und sie unterstützt – Wohin geht sie, wenn sie wütend ist? Nach draußen, möglichst in den Wald bei Hohen Cremmen, versucht auf andere Gedanken zu kommen. In Berlin einfach in der Stadt herumlaufen – Hobbies – was macht sie am liebsten? Lesen, Spazieren, Reiseblogs, macht Sinn – Wie hat sie ihr Abi bestanden? 2,2; sie hat sich angestrengt, um von Zuhause wegzukommen, aber bei vielem sieht sie den Sinn nicht, wozu ihr das Wissen helfen könnte – Was erhofft sie sich GENAU von der Beziehung zum älteren Innstetten? Jemanden, der sie unterstützt, finanziell, emotional. Eine Absicherung für den Start in ihr unabhängiges Leben.

Fotos: Bohemian Rhapsody, Twentieth Century Fox / PR, flickr

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WG-Chaos hier – Oder dort

Das Team aus Frankfurt an der Oder hat die Arbeit am Storyboard des ersten Abschnitts beendet. Effis Abschied von der Schulzeit zeichnet sich ab, nicht nur wegen der in Entstehung befindlichen Bilder, die der Roman-Auftakt enthalten wird. Außerdem spielen eine zentrale Rolle: Der Kater, der kein Tier ist und die Mädels-WG mit Effi, Herta, Berta und Hulda im Chaos. Dem künftigen Leser wollen die Frankfurter mit der ruhigen Oderlandschaft optisch etwas Erholung gönnen.

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Mit etwas mehr Mumm hätten Crampas und Effi eine schöne Beziehung führen können

November 2018: Wir nähern uns dem Thema. Effi Briest finden wir sympathisch. Sie ist lustig, hat Freundinnen und erscheint lebensfroh. Aber sie möchte es ihren Eltern recht machen. Dabei hat sie noch nicht das Selbstbewusstsein, ihre eigenen Interessen zu vertreten. Da sieht man deutlich, dass es wichtig ist, dass sich die Eltern bei der Partner*innenwahl ihrer Kinder raushalten. Heute wäre Effi bestimmt erstmal mit ihrem Cousin zusammen gewesen. Das ist zwar auch irgendwie komisch, doch wäre es nur eine Phase geblieben. Und die Eltern hätten es locker aushalten können.

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„Innstetten ist gemein. Er findet die Magd Johanna interessanter als seine Frau. Wir glauben, dass er seine Frau nicht liebt. Die Hochzeitsnacht ist für sie echt schlimm. Er braucht sie nur, um bei Hofe mit ihr angeben zu können. Die Briefe, die er ihrer Mutter schreibt, sind gefühlvoller, als er Effi behandelt.“

 

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„Vater Briest: Man merkt, dass er seine Tochter mag. Als die Situation noch nicht so schlimm ist, hält er aber zu seiner Frau. Das ist schlecht für Effi. Später holt er sie nach Hause, dann kümmert er sich. Wenn er Effi den Rücken gestärkt hätte, wäre die Geschichte besser ausgegangen. Leider ist er zu schwach gegenüben seiner Frau.“

 

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„Crampas; Effi scheint ihn zu lieben. Sie riskiert alles für ihn. Er liebt sie vielleicht, aber er nutzt sie aus. Seine Ehe und seine Kinder sind ihm anscheinend nicht so wichtig. Und dann stellt er sich noch nach Jahren einem sinnlosen Duell und es wirkt so, als ob er sich erschießen lässt. Fazit: Mit etwas mehr Mumm hätte er mit ihr eine schöne Beziehung führen können.“

 

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„Der Apotheker – ist einfach nett. Er ist guter Mensch und ein Freund für Effi. Er sieht sie leiden und möchte sie stärken. Er organisiert Aktivitäten, damit es den Menschen gut geht. Das Theaterspielen soll allen helfen, etwas zu gestalten, und sich über die eigenen Themen bewusst zu werden.
Für heutige Verhältnisse klingt das trivial. Damals aber war das bestimmt etwas Neues und Bahnbrechendes. Leider stiftet der Apotheker mit seinem Engagement Unheil, weil Campras und Effi über dieses Theaterspiel zusammenfinden. Schade, dass sie ihre Liebe nicht ausleben dürfen.“

An die Arbeit

„Ich will die Welt sehen. Hauptsache weg vom Dorf.“

Vier Szenenstudien zu Effi und Innstetten: Der Moment auf dem Abiball, in dem Effi sich entschließt, eine Beziehung zum älteren Innstetten einzugehen – obwohl sie weiß, dass er der Ex ihrer Mutter ist.

Das neblige Licht in dem stickigen Saal, gestreut durch die billige Diskokugel, störte mich nicht im Geringsten, auch wenn ich kaum erkennen konnte, was fünf Meter weiter passierte. Ich wartete ja nicht darauf, dass jemand mich zum Tanzen auffordern würde. Ganz im Gegenteil, ich war vollkommen zufrieden damit, einsam an meinem Glas Sekt zu nippen und darauf zu warten, dass ich wieder gehen konnte. Ehrlich gesagt hätte ich den Abiball am liebsten gemieden. Mich reizte nichts daran, pappige Häppchen zu essen und Großeltern beim Stolz sein auf ihre dämlichen Enkel zuzusehen.

„Effi, hörst du mir noch zu?“

Ich schaute Innstetten an. Nein, wollte ich sagen, ich habe dir auch vorher nicht zugehört.

„Natürlich, natürlich.“ Meine Mutter war nicht weit, sie wäre außer sich, wenn ich so unhöflich zu ihrem lieben Innstetten wäre. „Wovon hatten wir gerade gesprochen?“

„Ich sagte, dass ich mein Haus in Kessin renovieren lassen habe. Es ist jetzt sehr viel heller und einladender.“
„Kessin“, ich überlegte, ob ich den Ort kannte, „ist das weit weg von hier?“
Innstetten lächelte schmallippig. „Gerade nah genug, damit ich euch oft besuchen kann.“
Weit genug weg, um nicht vor Langeweile zu sterben.

In dem Moment war mir egal, dass meine Mutter immer noch von Innstetten redete, als wäre er die Liebe ihres Lebens. Die konnte er gern bleiben – ihre Liebe, meine Übergangslösung. Mir war klar, dass ich an einer Uni keine Chance hatte. Erstens glaubte meine Mutter nicht, dass ich studieren müsste („Bleib hier und lern etwas Nützliches!“), zweitens konnten wir dafür in keinster Weise bezahlen. Aber Innstetten, dieser aufgedunsene Mann mit viel zu gegelten Haaren, hatte Geld. Genug für sich und mich.

Mein Herz traf die Entscheidung schneller als mein Verstand folgen konnte. Ich reichte Innstetten ein Sektglas vom Buffet und stieß mit ihm an.

„Bitte erzählen Sie mir mehr von Kessin, ich bin sicher, es ist wunderschön.“

Amely

 

Berlin ist ein Anfang

Die Musik bringt den Fußboden zum Vibrieren, teilweise hört es sich so an, als würden die Neunzigerjahrehits nur noch aus Bass bestehen. Es ist überwiegend dunkel, nur manchmal erleuchten bunte Lichter die Halle, in der unser Abiball stattfindet.
Mein Abiball.

Die Mädchen sehen noch nuttiger aus als sonst und die Typen sehen alle gleich aus.

Ich schaue an mir herab. Ich sehe nicht nuttig aus. Zumindest schätze ich es selbst so ein. Ganz im Gegensatz zu meiner besten Freundin, die schon völlig betrunken ist und scheinbar gar nicht mehr mitkriegt, dass ihr trägerloses, lilafarbenes Kleid auf halb acht hängt, als sie sich neben mich an die Bar stellt und dabei ignoriert, dass sich noch andere Menschen um ein Getränk bemühen. Ich schaue an Emilys schielendem Gesicht vorbei, der Barfrau hinterher. Sie hetzt durch die Gegend, um alle Bestellungen aufzunehmen. Sie sieht überfordert aus. Sie scheint auch vergessen zu haben, dass ich vor zehn Minuten eine Cola bestellt hatte. Aber wer bestellt auch alkoholfreie Getränke auf einer Veranstaltung, bei der sowas den gesellschaftlichen Normen widerspricht. Emily scheint glücklich mit ihrem Vollbier zu sein. Ihrem fünften inzwischen. Bei allen anderen Getränken konnte ich nicht mehr mitzählen. Sie neigt den Kopf zu mir: „Wer is’n der alte Sack da bei deiner Mutti?“
Irritiert schaue ich sie an. „Das ist mein Vater.“
Emily grunzt. Das sollte wahrscheinlich ein Lachen darstellen.

„Schon klar, wer dein Vater ist, Pappnase“, erwidert sie und wendet mich wie einen Pfannkuchen, so dass ich meine Mutter sehen kann, die mit einem fremden Typen redet. Während des Abiballprogramms war er jedenfalls noch nicht da. Er muss in den letzten Minuten gekommen sein.

„Keine Ahnung“, sage ich und drehe mich wieder um. Die Barfrau scheint sich inzwischen erinnert zu haben, dass ich der einzige Dummkopf bin, der ein Event wie dieses nüchtern erleben will. Ich nehme das Colaglas und trinke es halbleer.
„Sie scheint auf ihn zu stehen“, lallt Emily und hakt sich bei mir unter, während wir zum Büffet laufen, das quer an der Wand aufgebaut wurde und damit etwas weiter entfernt vom DJ-Pult steht. Bis auf ein paar gefüllte Eier und trockene Brotscheiben sind nur noch Reste der Aufläufe und Soßen übrig. Ich schiebe mir ein gefülltes Ei in den Mund, Emily nuckelt an einer Scheibe Brot. Gut für sie.

„Soll sie doch.“ Und als hätten wir ihren Namen ein paar Mal zu oft gesagt, legt mir meine Mutter plötzlich eine Hand auf die Schulter. Ich drehe mich zu ihr. Sie trägt ein dunkelblaues langes Kleid und hat ihre blonden kurzen Haare ein wenig hochfrisiert. Neben ihr steht der alte Sack. Er sieht aus, wie jeder Mann bei so einer Veranstaltung aussieht: Schwarzer Anzug, Krawatte, weißes Hemd.
„Effi, das ist Innstetten“, stellt meine Mutter ihn vor.
Er reicht mir seine Hand. Ich gebe ihm meine.
„Wir sind . . . alte Freunde.“
Ich hebe eine Augenbraue. Offensichtlicher ging es ja nicht. „Aha“, sage ich und ziehe meine Hand wieder zurück, nachdem wir einander ausführlich die Hände geschüttelt haben. Meine Mutter lächelt immer noch, als würde bei ihr irgendwas festhängen. „Ich hol euch mal was zu trinken, oder?“ Ich will gerade sagen, dass sie dann in fünf Stunden nicht zurück wäre, aber da ist sie schon davongerauscht. Innstetten vor mir zuckt lächelnd die Schultern. Emily hinter mir scheint, den Geräuschen nach zu urteilen, das Büffet leerzuräumen.

Ich verschränke die Arme, während Innstetten seine Hände in die Anzughosentaschen steckt. Er ist nicht hässlich. Er scheint so alt wie meine Mutter zu sein, weswegen an seinen Schläfen und auf seiner Stirn ein paar Fältchen zu sehen sind. Er hat seine kurzen braunen Haare ähnlich frisiert wie meine Mutter.
„Du siehst sehr hübsch aus. Viel hübscher als deine Mitschülerinnen“, sagt er und macht eine weitschweifende Geste durch die Halle. Hübsch ist ja auch ein Adjektiv, das deren Kleidungsstil nicht unbedingt passend beschreibt.
„Danke“, sage ich und spähe nach meiner Mutter. Sie steht zwischen Dutzenden durstigen Abiturienten.

„Und? Was hast du vor mit deiner Zukunft?“
Immer dieselbe 0815-Frage. Ich zucke die Schultern.
„Ich will die Welt sehen. Hauptsache weg vom Dorf.“

Innstetten lacht. „Das kann ich verstehen. Dank meines Jobs sehe ich sehr viel von der Welt. Ich komme auch vom Dorf und würde mein jetziges Leben nicht mehr dagegen eintauschen wollen.“
„So?“, frage ich, und etwas in mir scheint sich tatsächlich für das zu interessieren, was Innstetten erzählt.

Innstetten nickt. „Wenn du willst, kannst du mich sehr gerne mal begleiten. Demnächst muss ich wieder nach Berlin. Es ist zwar nicht das andere Ende der Welt, aber ein Anfang, nicht wahr?“

Ich lächle. Berlin. Das wäre definitiv das genaue Gegenteil des langweiligen Dorflebens, dem ich hier mein bisheriges Leben lang ausgesetzt war. „Sehr gerne“, erwidere ich und kann kaum glauben, dass diese Antwort ernst gemeint war.

Patricia

 

„Selbst wir kamen langsam in der heutigen Zeit an“

Die laute, penetrante Musik verursachte bei mir starke Kopfschmerzen. Ich konnte Elektro noch nie leiden. Das würde sich jetzt auch nicht mehr ändern. Unsere Sporthalle war gut gefüllt. Es war die halbe Schule da, mit Familie. Die Jungs trugen alle schwarze Anzüge mit weißem Hemd und Schlips. Die meisten von meinen Mitschülerinnen trugen enge Kleider, die viel Haut zeigten. Vor ein paar Jahren wäre das bei uns noch eine Unmöglichkeit gewesen. Aber selbst wir kamen langsam in der heutigen Zeit an. Ich stach ganz schön aus der Masse heraus. Ich trug ein dunkelgrünes Kleid, das bis zum Boden reichte und locker an meinem Körper anlag. Noch dazu war ich die einzige, die keinen Alkohol trank. Mindestens die Hälfte der Leute hier war schon betrunken. Es gab auch welche, die in der Ecke lagen.

Ich wusste gleich, dass das Ganze nicht gut enden würde.

Ich schaute mich um und sah meine Mom mit ihren Ex-Freund Innstetten an der Bar stehen. Er hatte vor einer Woche mit ihr Schluss gemacht. Sie war total fertig, hatte ihn jedoch zu meinem Abiball eingeladen, weil sie nochmal versuchen wollte ihm näher zu kommen. Klappte offensichtlich nicht so gut.  Als er bemerkte, dass ich zu ihm sah, sagte er etwas zu meiner Mom und kam mit zwei Getränken in der Hand auf mich zu. Ein Glas drückte er mir in die Hand und trank einen Schluck aus dem anderen.

„Wie gefällt’s dir, Süße?“ fragte er mich lächelnd. Einen Moment lang wollte ich ihn anlügen und sagen ich fände es toll, aber er kannte mich mittlerweile so gut, dass er sofort wissen würde, dass ich log.
„Willst du die Wahrheit wissen? Ich mag die Musik nicht, mit 90 Prozent der Leute hier hab ich nichts zu tun und ich frage mich, wann ich endlich aus diesem Kaff rauskomme.“

Ich merkte, wie sich ein weiteres Lächeln über das Gesicht von Innstetten schlich. Ich konnte gut verstehen, dass meine Mom ihn liebte. Wenn er lächelte, war er echt süß. Wenn er nicht so alt wäre, könnte ich mich glatt in verlieben.

„Ich kann dich gut verstehen. Als ich so alt war wie du, habe ich mich auch nach nichts mehr gesehnt, als die Welt zu entdecken. Aber glaube mir, irgendwann erkennst du, dass du nur an einem Ort zu Hause bist und du da auch nicht mehr weg willst.“ Ich dachte einen Moment lang darüber nach, aber blieb dennoch bei dem Entschluss, dass ich die große, weite Welt entdecken wollte. „Hör mal“, fuhr er fort, „ich werde demnächst nach Berlin ziehen, weil ich befördert werde und von dort einfach besser arbeiten kann. Ich wollte dich fragen, ob du mitkommen möchtest, jetzt, da du mit der Schule fertig bist.“ Ich überlegte nicht lange. Das war meine Chance! Berlin ist nicht das andere Ende der Welt, aber zumindest schonmal ein Anfang. „Klar, gerne“, lächelte ich. Innstetten lächelte zurück und fragte mich, ob ich tanzen wollte. Wir stellten unsere Getränke auf den Tisch neben uns und gingen zur Tanzfläche. Wir bewegten uns zur Musik und Innstetten kam mir zum ersten Mal richtig nah. Ich sah meine Mom an der Bar. Sie schüttete sich einen weiteren Drink in den Hals. Ich wollte gar nicht wissen, wie viele Promille sie schon hatte.

Innstetten kam mir immer näher und bevor ich es realisieren konnte, küsste er mich. Das war der Moment, in dem ich bemerkte, dass er mehr von mir wollte.

Lara

 

„Ich hatte nicht vor, Innstetten zu heiraten, sondern ihn zu benutzen.“

Zufrieden bemerkte ich, wie die Spitzen meines Kleides bei jeder Bewegung durch den Raum schwebten, als würden sie tatsächlich frei fliegen und nicht zu mir gehören. Es war genau wie ich es mir vorgestellt hatte. Dennoch war ich nicht zufrieden. Ab heute sollte mein Leben beginnen. Das Abenteuer, auf das ich seit Jahren wartete.

Wieso kam es mir so vor, als hätte sich nichts verändert? Müsste ich mich nicht anders fühlen?

Während ich die Arme über den Kopf hob und meine Hüften im Takt der Musik bewegte, warf ich einen Blick zu Innstetten. Er stand am Rand der Tanzfläche und beobachtete mich.

Vielleicht sollte ich doch auf sein Angebot eingehen, vielleicht könnte er mein Abenteuer werden. Immerhin war er der Freifahrtschein in eine neue Stadt.

Hatte ich nicht genau das immer gewollt? Weg von hier?

Zugegeben, er war langweilig. Außerdem war es merkwürdig, dass er sich ausgerechnet mich aussuchte, wo er doch vor Jahren mit meiner Mutter geschlafen hatte. Wollte ich diesen alten Typen überhaupt?

Mein Blick wanderte weiter. In der tanzenden Menge entdeckte ich Phil Coldwell. Gutaussehend, sportlich und vor allem in meinem Alter. Ich sollte ihn wollen. Er würde nicht nein sagen. Auf der anderen Seite würde ich mit Phil Coldwell nicht mal in den Nachbarort kommen. Sein Leben war für die Firma seines Vaters bestimmt.

Nein.

Was spielte es schon für eine Rolle, wie alt jemand war, wir lebten in einer modernen Gesellschaft. Und außerdem hatte ich nicht vor Innstetten zu heiraten, sondern ihn nur zu benutzen. Kessin war allenfalls besser als Hohen-Cremmen. Hauptsache ich kam raus aus diesem Kaff und konnte endlich die Welt sehen. Ich setzte ein strahlendes Lächeln auf, vollführte eine perfekte Drehung und ging auf den Mann zu, der mir hoffentlich ein Abenteuer schenken würde.

Jette

Fotos: privat (4) / flickr