An die Arbeit

„Ich will die Welt sehen. Hauptsache weg vom Dorf.“

Vier Szenenstudien zu Effi und Innstetten: Der Moment auf dem Abiball, in dem Effi sich entschließt, eine Beziehung zum älteren Innstetten einzugehen – obwohl sie weiß, dass er der Ex ihrer Mutter ist.

Das neblige Licht in dem stickigen Saal, gestreut durch die billige Diskokugel, störte mich nicht im Geringsten, auch wenn ich kaum erkennen konnte, was fünf Meter weiter passierte. Ich wartete ja nicht darauf, dass jemand mich zum Tanzen auffordern würde. Ganz im Gegenteil, ich war vollkommen zufrieden damit, einsam an meinem Glas Sekt zu nippen und darauf zu warten, dass ich wieder gehen konnte. Ehrlich gesagt hätte ich den Abiball am liebsten gemieden. Mich reizte nichts daran, pappige Häppchen zu essen und Großeltern beim Stolz sein auf ihre dämlichen Enkel zuzusehen.

„Effi, hörst du mir noch zu?“

Ich schaute Innstetten an. Nein, wollte ich sagen, ich habe dir auch vorher nicht zugehört.

„Natürlich, natürlich.“ Meine Mutter war nicht weit, sie wäre außer sich, wenn ich so unhöflich zu ihrem lieben Innstetten wäre. „Wovon hatten wir gerade gesprochen?“

„Ich sagte, dass ich mein Haus in Kessin renovieren lassen habe. Es ist jetzt sehr viel heller und einladender.“
„Kessin“, ich überlegte, ob ich den Ort kannte, „ist das weit weg von hier?“
Innstetten lächelte schmallippig. „Gerade nah genug, damit ich euch oft besuchen kann.“
Weit genug weg, um nicht vor Langeweile zu sterben.

In dem Moment war mir egal, dass meine Mutter immer noch von Innstetten redete, als wäre er die Liebe ihres Lebens. Die konnte er gern bleiben – ihre Liebe, meine Übergangslösung. Mir war klar, dass ich an einer Uni keine Chance hatte. Erstens glaubte meine Mutter nicht, dass ich studieren müsste („Bleib hier und lern etwas Nützliches!“), zweitens konnten wir dafür in keinster Weise bezahlen. Aber Innstetten, dieser aufgedunsene Mann mit viel zu gegelten Haaren, hatte Geld. Genug für sich und mich.

Mein Herz traf die Entscheidung schneller als mein Verstand folgen konnte. Ich reichte Innstetten ein Sektglas vom Buffet und stieß mit ihm an.

„Bitte erzählen Sie mir mehr von Kessin, ich bin sicher, es ist wunderschön.“

Amely

 

Berlin ist ein Anfang

Die Musik bringt den Fußboden zum Vibrieren, teilweise hört es sich so an, als würden die Neunzigerjahrehits nur noch aus Bass bestehen. Es ist überwiegend dunkel, nur manchmal erleuchten bunte Lichter die Halle, in der unser Abiball stattfindet.
Mein Abiball.

Die Mädchen sehen noch nuttiger aus als sonst und die Typen sehen alle gleich aus.

Ich schaue an mir herab. Ich sehe nicht nuttig aus. Zumindest schätze ich es selbst so ein. Ganz im Gegensatz zu meiner besten Freundin, die schon völlig betrunken ist und scheinbar gar nicht mehr mitkriegt, dass ihr trägerloses, lilafarbenes Kleid auf halb acht hängt, als sie sich neben mich an die Bar stellt und dabei ignoriert, dass sich noch andere Menschen um ein Getränk bemühen. Ich schaue an Emilys schielendem Gesicht vorbei, der Barfrau hinterher. Sie hetzt durch die Gegend, um alle Bestellungen aufzunehmen. Sie sieht überfordert aus. Sie scheint auch vergessen zu haben, dass ich vor zehn Minuten eine Cola bestellt hatte. Aber wer bestellt auch alkoholfreie Getränke auf einer Veranstaltung, bei der sowas den gesellschaftlichen Normen widerspricht. Emily scheint glücklich mit ihrem Vollbier zu sein. Ihrem fünften inzwischen. Bei allen anderen Getränken konnte ich nicht mehr mitzählen. Sie neigt den Kopf zu mir: „Wer is’n der alte Sack da bei deiner Mutti?“
Irritiert schaue ich sie an. „Das ist mein Vater.“
Emily grunzt. Das sollte wahrscheinlich ein Lachen darstellen.

„Schon klar, wer dein Vater ist, Pappnase“, erwidert sie und wendet mich wie einen Pfannkuchen, so dass ich meine Mutter sehen kann, die mit einem fremden Typen redet. Während des Abiballprogramms war er jedenfalls noch nicht da. Er muss in den letzten Minuten gekommen sein.

„Keine Ahnung“, sage ich und drehe mich wieder um. Die Barfrau scheint sich inzwischen erinnert zu haben, dass ich der einzige Dummkopf bin, der ein Event wie dieses nüchtern erleben will. Ich nehme das Colaglas und trinke es halbleer.
„Sie scheint auf ihn zu stehen“, lallt Emily und hakt sich bei mir unter, während wir zum Büffet laufen, das quer an der Wand aufgebaut wurde und damit etwas weiter entfernt vom DJ-Pult steht. Bis auf ein paar gefüllte Eier und trockene Brotscheiben sind nur noch Reste der Aufläufe und Soßen übrig. Ich schiebe mir ein gefülltes Ei in den Mund, Emily nuckelt an einer Scheibe Brot. Gut für sie.

„Soll sie doch.“ Und als hätten wir ihren Namen ein paar Mal zu oft gesagt, legt mir meine Mutter plötzlich eine Hand auf die Schulter. Ich drehe mich zu ihr. Sie trägt ein dunkelblaues langes Kleid und hat ihre blonden kurzen Haare ein wenig hochfrisiert. Neben ihr steht der alte Sack. Er sieht aus, wie jeder Mann bei so einer Veranstaltung aussieht: Schwarzer Anzug, Krawatte, weißes Hemd.
„Effi, das ist Innstetten“, stellt meine Mutter ihn vor.
Er reicht mir seine Hand. Ich gebe ihm meine.
„Wir sind . . . alte Freunde.“
Ich hebe eine Augenbraue. Offensichtlicher ging es ja nicht. „Aha“, sage ich und ziehe meine Hand wieder zurück, nachdem wir einander ausführlich die Hände geschüttelt haben. Meine Mutter lächelt immer noch, als würde bei ihr irgendwas festhängen. „Ich hol euch mal was zu trinken, oder?“ Ich will gerade sagen, dass sie dann in fünf Stunden nicht zurück wäre, aber da ist sie schon davongerauscht. Innstetten vor mir zuckt lächelnd die Schultern. Emily hinter mir scheint, den Geräuschen nach zu urteilen, das Büffet leerzuräumen.

Ich verschränke die Arme, während Innstetten seine Hände in die Anzughosentaschen steckt. Er ist nicht hässlich. Er scheint so alt wie meine Mutter zu sein, weswegen an seinen Schläfen und auf seiner Stirn ein paar Fältchen zu sehen sind. Er hat seine kurzen braunen Haare ähnlich frisiert wie meine Mutter.
„Du siehst sehr hübsch aus. Viel hübscher als deine Mitschülerinnen“, sagt er und macht eine weitschweifende Geste durch die Halle. Hübsch ist ja auch ein Adjektiv, das deren Kleidungsstil nicht unbedingt passend beschreibt.
„Danke“, sage ich und spähe nach meiner Mutter. Sie steht zwischen Dutzenden durstigen Abiturienten.

„Und? Was hast du vor mit deiner Zukunft?“
Immer dieselbe 0815-Frage. Ich zucke die Schultern.
„Ich will die Welt sehen. Hauptsache weg vom Dorf.“

Innstetten lacht. „Das kann ich verstehen. Dank meines Jobs sehe ich sehr viel von der Welt. Ich komme auch vom Dorf und würde mein jetziges Leben nicht mehr dagegen eintauschen wollen.“
„So?“, frage ich, und etwas in mir scheint sich tatsächlich für das zu interessieren, was Innstetten erzählt.

Innstetten nickt. „Wenn du willst, kannst du mich sehr gerne mal begleiten. Demnächst muss ich wieder nach Berlin. Es ist zwar nicht das andere Ende der Welt, aber ein Anfang, nicht wahr?“

Ich lächle. Berlin. Das wäre definitiv das genaue Gegenteil des langweiligen Dorflebens, dem ich hier mein bisheriges Leben lang ausgesetzt war. „Sehr gerne“, erwidere ich und kann kaum glauben, dass diese Antwort ernst gemeint war.

Patricia

 

„Selbst wir kamen langsam in der heutigen Zeit an“

Die laute, penetrante Musik verursachte bei mir starke Kopfschmerzen. Ich konnte Elektro noch nie leiden. Das würde sich jetzt auch nicht mehr ändern. Unsere Sporthalle war gut gefüllt. Es war die halbe Schule da, mit Familie. Die Jungs trugen alle schwarze Anzüge mit weißem Hemd und Schlips. Die meisten von meinen Mitschülerinnen trugen enge Kleider, die viel Haut zeigten. Vor ein paar Jahren wäre das bei uns noch eine Unmöglichkeit gewesen. Aber selbst wir kamen langsam in der heutigen Zeit an. Ich stach ganz schön aus der Masse heraus. Ich trug ein dunkelgrünes Kleid, das bis zum Boden reichte und locker an meinem Körper anlag. Noch dazu war ich die einzige, die keinen Alkohol trank. Mindestens die Hälfte der Leute hier war schon betrunken. Es gab auch welche, die in der Ecke lagen.

Ich wusste gleich, dass das Ganze nicht gut enden würde.

Ich schaute mich um und sah meine Mom mit ihren Ex-Freund Innstetten an der Bar stehen. Er hatte vor einer Woche mit ihr Schluss gemacht. Sie war total fertig, hatte ihn jedoch zu meinem Abiball eingeladen, weil sie nochmal versuchen wollte ihm näher zu kommen. Klappte offensichtlich nicht so gut.  Als er bemerkte, dass ich zu ihm sah, sagte er etwas zu meiner Mom und kam mit zwei Getränken in der Hand auf mich zu. Ein Glas drückte er mir in die Hand und trank einen Schluck aus dem anderen.

„Wie gefällt’s dir, Süße?“ fragte er mich lächelnd. Einen Moment lang wollte ich ihn anlügen und sagen ich fände es toll, aber er kannte mich mittlerweile so gut, dass er sofort wissen würde, dass ich log.
„Willst du die Wahrheit wissen? Ich mag die Musik nicht, mit 90 Prozent der Leute hier hab ich nichts zu tun und ich frage mich, wann ich endlich aus diesem Kaff rauskomme.“

Ich merkte, wie sich ein weiteres Lächeln über das Gesicht von Innstetten schlich. Ich konnte gut verstehen, dass meine Mom ihn liebte. Wenn er lächelte, war er echt süß. Wenn er nicht so alt wäre, könnte ich mich glatt in verlieben.

„Ich kann dich gut verstehen. Als ich so alt war wie du, habe ich mich auch nach nichts mehr gesehnt, als die Welt zu entdecken. Aber glaube mir, irgendwann erkennst du, dass du nur an einem Ort zu Hause bist und du da auch nicht mehr weg willst.“ Ich dachte einen Moment lang darüber nach, aber blieb dennoch bei dem Entschluss, dass ich die große, weite Welt entdecken wollte. „Hör mal“, fuhr er fort, „ich werde demnächst nach Berlin ziehen, weil ich befördert werde und von dort einfach besser arbeiten kann. Ich wollte dich fragen, ob du mitkommen möchtest, jetzt, da du mit der Schule fertig bist.“ Ich überlegte nicht lange. Das war meine Chance! Berlin ist nicht das andere Ende der Welt, aber zumindest schonmal ein Anfang. „Klar, gerne“, lächelte ich. Innstetten lächelte zurück und fragte mich, ob ich tanzen wollte. Wir stellten unsere Getränke auf den Tisch neben uns und gingen zur Tanzfläche. Wir bewegten uns zur Musik und Innstetten kam mir zum ersten Mal richtig nah. Ich sah meine Mom an der Bar. Sie schüttete sich einen weiteren Drink in den Hals. Ich wollte gar nicht wissen, wie viele Promille sie schon hatte.

Innstetten kam mir immer näher und bevor ich es realisieren konnte, küsste er mich. Das war der Moment, in dem ich bemerkte, dass er mehr von mir wollte.

Lara

 

„Ich hatte nicht vor, Innstetten zu heiraten, sondern ihn zu benutzen.“

Zufrieden bemerkte ich, wie die Spitzen meines Kleides bei jeder Bewegung durch den Raum schwebten, als würden sie tatsächlich frei fliegen und nicht zu mir gehören. Es war genau wie ich es mir vorgestellt hatte. Dennoch war ich nicht zufrieden. Ab heute sollte mein Leben beginnen. Das Abenteuer, auf das ich seit Jahren wartete.

Wieso kam es mir so vor, als hätte sich nichts verändert? Müsste ich mich nicht anders fühlen?

Während ich die Arme über den Kopf hob und meine Hüften im Takt der Musik bewegte, warf ich einen Blick zu Innstetten. Er stand am Rand der Tanzfläche und beobachtete mich.

Vielleicht sollte ich doch auf sein Angebot eingehen, vielleicht könnte er mein Abenteuer werden. Immerhin war er der Freifahrtschein in eine neue Stadt.

Hatte ich nicht genau das immer gewollt? Weg von hier?

Zugegeben, er war langweilig. Außerdem war es merkwürdig, dass er sich ausgerechnet mich aussuchte, wo er doch vor Jahren mit meiner Mutter geschlafen hatte. Wollte ich diesen alten Typen überhaupt?

Mein Blick wanderte weiter. In der tanzenden Menge entdeckte ich Phil Coldwell. Gutaussehend, sportlich und vor allem in meinem Alter. Ich sollte ihn wollen. Er würde nicht nein sagen. Auf der anderen Seite würde ich mit Phil Coldwell nicht mal in den Nachbarort kommen. Sein Leben war für die Firma seines Vaters bestimmt.

Nein.

Was spielte es schon für eine Rolle, wie alt jemand war, wir lebten in einer modernen Gesellschaft. Und außerdem hatte ich nicht vor Innstetten zu heiraten, sondern ihn nur zu benutzen. Kessin war allenfalls besser als Hohen-Cremmen. Hauptsache ich kam raus aus diesem Kaff und konnte endlich die Welt sehen. Ich setzte ein strahlendes Lächeln auf, vollführte eine perfekte Drehung und ging auf den Mann zu, der mir hoffentlich ein Abenteuer schenken würde.

Jette

Fotos: privat (4) / flickr

An die Arbeit

Effi, remixed

Eine erste Annäherung an den originalen Fontane-Stoff machen die Schreibenden Schüler aus Potsdam und Oranienburg: „Durch Zersetzung und Neu-Remixen.“ Oder, anders gesagt: Roman kopiert, zerschnitten, als Collage arrangiert, die Lesart verändert. Passt zu Fontanes Art, sein Notizbuch zu führen.

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An die Arbeit

Sag’s mit Fontane: Willkommen, Effi!

Wie eine Fremdsprache lasen wir die ersten Worte von Effi Briest. Die langen Sätze bildeten ein verwirrendes Konstrukt, bei dem zu Anfang jeglicher Sinn fehlte. Allmählich gewöhnten wir uns an die blumige, altmodische Sprache, spätestens als Effi und ihre Mutter in der Szene auftauchten. Der quirlige Charakter des Mädchens war sofort erkennbar und weckte Sympathie für die Protagonistin. In dieser gehobenen Sprache durchlebten wir im Geist unseren alltäglichen Nachhauseweg. Wir stellten uns die Häuser, Straßen und Sinneseindrücke so genau vor, wie man es selten in der Routine wahrnimmt. So entstanden aus den wenigen Minuten von der Schule oder der Arbeit zum eigenen Zimmer ausführliche Texte. Sie schenkten den kurzen, sonst kaum beachteten Augenblicken am Tage ihren verdienten Wert.

Das unüberhörbare Knistern des Laubes flüstert mir ein leises “Willkommen zurück” ins Ohr, während ich den schmalen grauen Weg am Rande der dicht befahrenen Kreuzung entlanggehe und die Musik meines Handys deutlich lauter drehe, um die Masse an Fahrzeugen zu übertönen, die dort durch den schweren, düsteren Oktobernebel rasen. Schon bald biege ich in eine scheinbar endlose Straße, meine Straße, ein und sogleich erstreckt sich vor mir eine eintönige Masse aus weißen und pastellgelben Häusern, alle tragen sie ein rotes oder braunes Dach und haben kleine Vorgärten mit kleinen Sträuchern, hinter denen meist ein Garagentor hervorlugt. Kleine Mauern oder graue Zäune mit wiederkehrenden Mustern markieren die Grenze jedes Grundstücks und wenn man es wagt, eines der Tore zu öffnen, wird man stets auf einem sauber gepflasterten Weg direkt vor eine Haustür getragen. In diesem eintönigen Chaos aus weißen und pastellgelben Häusern finde ich schließlich auch meines. Behutsam und doch genervt von meinem bisherigen Tag öffne ich das blaugraue Tor und betrete den bereits erwähnten sauber gepflasterten Weg, der mich zu der großen, dunkelgrünen Haustür führt, in deren Schloss ich nun meinen Hausschlüssel stecke und den warmen Hausflur betrete.

Luisa

 

Quietschend kommt der Zug zum Stillstand, mit einem Rauschen öffnen sich die Türen, die Passagiere steigen aus, eine von ihnen ist ein Mädchen. Der erste Schritt auf dem Bahnsteig ist ein Schritt in die altbekannte Welt. Sie blickt um sich, betrachtet einige Reisende, die mit ihrem Gepäck hantieren. Ein grauer Bahnhof, doch sauber, leer und groß, hinaus ins Weite kann sie schauen, wenn sie dem nächsten Zug bei der Ausfahrt mit dem Blick folgt.

Sie läuft mit schnellen Schritten die Treppe hinunter, andere stolpern, sind schwermütig, doch sie stürzt fast an ihnen vorbei, so sehr sehnt sie sich nach dem Ausgang. Die Treppe endet an einem weißen Fliesenboden, weiße Wände mit Plakaten, Abfahrtsinformationen, erleuchtet mit hellen LED-Lämpchen im Glaskasten. Sie geht vorbei an diesen Plakaten, sieht den neuen Dirigenten des Staatsorchesters auf einem der Bilder, dort spielt auch eine ehemalige Schulkameradin. Sie nimmt sich vor, wenigstens einmal ein Konzert dieses Orchesters zu besuchen. In der Bahnhofshalle angekommen, wandert die Decke höher, Tageslicht strömt hinein durch Fenster und Türen, deutsch-polnische Werbung an den Seiten, dessen Werbezweck sie nicht versteht, doch allein der Fakt, dass hier die Werbung zweisprachig erscheint, schmeckt nach Heimat.

Die Türen öffnen sich für sie und sie tritt hinaus in den Abend. Die Busse halten und fahren an ihr vorbei. Sie tritt auf den gepflasterten Weg, einige Meter weiter ist der Arbeitsplatz ihres Vaters, versteckt in einem großen Haus mit einer Filmwerbetafel, die nur noch zur Hälfte funktioniert. Sie schlägt den Schleichweg ein, möchte heute nicht an der Hauptstraße entlang, sondern die Ecken und Winkel genießen. Ein hohes Denkmal sticht in den Himmel, während sie vom Bahnhofsberg hinab blickt. Vorbei an Ecken und Nischen steht eine Backsteinruine, umzäunt und verwiesen mit Warnschildern, bewachsen mit Efeu bis zum Dach, das schon bröckelt. Das ist also die Bahnhofsruine, denkt sie sich, diese Ruine nimmt sie zum ersten Mal bewusst wahr und es schließt sich der Kreis aus Erzählungen, eine Freundin von ihr hatte hier als Kind mit ihren Mitschülern gespielt, bis ein Ordnungshüter kam und sie sich verstecken mussten.

Die Straße führt steil hinab, ihre Schritte federn, rechts neben ihr eine Baustelle, auf der die Pflanzen die Macht übernehmen, auf der anderen Seite eine Häuserwand, an dessen Türklingeln selbst beschriebene und geklebte Namensschildchen hängen. Die Balkone gefüllt mit Rosen, Stiefmütterchen und Kräutern, abblätternde Farbe und Schmutzflecke als Spuren der langen Jahre. Am Ende dieser Straße steht ein neuartiges, graues Gebäude, der Dönerladen darin großflächig gepriesen. Doch sie interessiert sich nicht für die Geschäfte, sondern für das, was nach dem kleinen Einkaufsgebäude kommt – der Gertraudpark. Es ist nur eine Straße, die sie auch ohne nach links und rechts zu schauen überquert, heute zumindest, dann ist sie umgeben von Grün.

Die Kirche mit ihrer goldenen Uhr zeigt die vergangenen Minuten seit ihrer Ankunft an, die Engel und Wesen aus Stein schauen herab mit leeren, doch schönen Gesichtern. Im Park sitzen junge und alte Menschen, die alten stützen sich auf ihren Rollatoren ab, die jungen, oft Pärchen aus der Universität, unterhalten sich angeregt. Das Gras bedeckt mit bunten Blättern, das Kleistdenkmal beschmückt mit Blumen und nach all den Jahren, die sie hier verbracht hatte, die sie an diesem Denkmal vorbei gegangen war, bemerkt sie er jetzt, dass dort Heinrich von Kleist auf dem Sockel posiert. Sie biegt ein in die Lindenstraße, dort liegen kistenweise Bücher aus, das Antiquariat hat noch für eine halbe Stunde geöffnet. Sie stöbert durch die Bücher, doch anders als letzte Woche liegen dort nur Groschenromane. Sie legt das letzte Buch zurück, schlendert weiter, vorbei an der Metallstatue, eine sich nach vorne beugende Frau mit einem verschwörerischen Lächeln und hohlen Augen. Auf dem Sockel steht: „Haus der Künste“. Ja, hier war das Mädchen vor nicht langer Zeit alle zwei Wochen gewesen, ist die knarzenden Stufen hinaufgegangen, hatte sich freudestrahlend auf einen der bunten Stühle gesetzt, in einer kleinen Runde Tee getrunken, Kekse gegessen und geschrieben. Doch diese Zeit war seit einigen Monaten vorüber, sie geht weiter, wartet an den Ampeln, schaut zum Oderturm hinauf, dessen leuchtende Buchstaben in der Nacht an einer Seite nur noch „Oderurm“ zeigten. Links von ihr ist die Lenné-Passage, und zusammen mit dem Oderturm bildet sie das Zentrum der Einkaufshallen von Frankfurt Oder. Der Markt ist noch geöffnet, hier verkaufen zwei polnische Frauen Obst und Gemüse, Straßenmusikanten spielen hier, oder engagierte Menschen verteilen Flyer. Das Mädchen kennt sie alle, sie hatte oft bei den Frauen eingekauft, oft genug gesagt, sie sei noch nicht 18 und könne deshalb keinen Spendenvertrag unterschreiben. Sie hatte den Straßenmusikanten immer Geld gegeben, meist spielte ein alter Mann irische Volksmusik, neben ihm sein Hund. Er hatte gelächelt, sich bedankt und einmal sogar „Bis morgen“ gesagt.

Sie läuft schräg über den Parkplatz, um schneller nach Hause zu kommen, die Uhr der Marienkirche schlägt zur vollen Stunde, das Rathaus liegt noch vor ihr in seiner roten Backsteinpracht, doch nur wenige Meter später sieht sie den Turm des Rathauses und nicht mehr den Eingangsbereich.

Große, rechteckige Steine bilden den Fußweg, damals war sie gehüpft, um nicht die Rillen zwischen den Steinen zu betreten, heute tut sie das nicht mehr, doch sie läuft beschwingt.

Sie muss grinsen, als sie die Treppen hinaufläuft, zwei Stufen auf einmal nehmend. Sie schließt die Tür auf, ruft laut Hallo in den Wohnungsflur hinein, stürmt auf ihre Mutter zu und umarmt sie, umarmt ihren Vater, ihre Schwester. Geht in ihr Zimmer, blickt auf das Rathaus, auf die goldene Uhr, die von den letzten Strahlen des Tages reflektiert wird – das Blau geht langsam in ein Grau über, sie blickt soweit ihre Augen reichen, am Museum Viadrina vorbei, und wenn sie sich konzentriert, die Augen zusammen kneift – dann kann sie am Horizont die Oder sehen. Die Oder – nur wenige Minuten entfernt, ein stiller Fluss, Grenze und Verbindung zu einem anderen Land. Ein stiller Fluss, der durch zwei stille Städte fließt.

Swantje

 

Der Wind, der immer wieder sanft durch die Baumkronen der Bäume entlang der Karl-Liebknecht-Straße wehte, brachte die inzwischen nicht mehr ganz so vielen grünen, gelben und leicht orangefarbenen  Blätter zum Klingen, die selbst in dem Hupen und Quietschen der Autoreifen, wenn sie an der Ampel hielten, zu hören waren und den Herbst ankündigten, denn immer wieder fiel ein einzelnes Blatt auf das historische Kopfsteinpflaster und den Asphalt, wobei das noch warme Sommersonnenlicht auf die Silhouette eines Mädchens fiel, dessen offenes Haar im Sonnenschein seidig schimmerte, und das den gepflasterten Gehweg neben der viel befahrenen Straße unter den Baumkronen der Bäume, die zur Straße hin standen, mit ihrem Fahrrad, vorbei an wilhelminischen Häusern munter entlangfuhr, froh, dass die Schule zu Ende war, ab und an mit dem Rad über einen losen Stein oder eine Senkung des Gehweges wobei ihr Ranzen auf ihrem Rücken dann immer einen Hopser machte.

An der Kreuzung stand ein großes, gelbes, stuckverziertes  Mehrfamilienhaus, in dem acht Wohnungen enthalten waren und diagonal gegenüber einem etwas helleren, gelben Mehrfamilienhaus stand, das zwar von der gleichen Person erdacht worden war, aber nicht einmal annähernd so schön war wie jenes, an dessen kleinem, eingezäunten Vorgarten das Mädchen mit dem Fahrrad vorbeigefahren war und nun an der Ecke abbog, an dem ehemaligen Laden, der sich vor langer Zeit im Erdgeschoss des Hauses Nummer 65 Ecke Friedrich-Hebbel-Straße befand, vier Meter weiter langsamer wurde, in einer kleinen Senkung, welche die Auffahrt darstellte, den Fuß auf die vergitterte Tür abstellte, die mit einem ebenso vergitterten Tor verbunden war, an der rechten Seite der Tür ein verwittertes, verrostetes Schild „Privatgrundstück! Betreten verboten!“  Das Mädchen, ihr Name war übrigens Henriette, stieß mit einer Hand das Tor auf und fuhr in den sandigen Hof nach rechts auf den roten, gepflasterten Fahrradplatz  und galant in den Fahrradständer mit sehr viel Schwung hinein.

Nachdem Henriette ihr Fahrrad abgeschlossen hatte, zurück durch das Tor, um die Ecke herum, und an dem kleinen Vorgarten vorbei gegangen war, öffnete sie den weißen Briefkasten, nahm den Inhalt heraus und schloss die einst mit Graffiti besprühte weiß-grüne Holztür auf, trat dann in den kühlen Flur ein, dessen Wände mit dunkelgrüner Farbe bestrichen war, ging ein paar Meter weiter, um dann eine doppelseitige Schwingtür aufzustoßen und die Treppe in den ersten Stock hinauf, um die linke Wohnungstür zu nehmen, welche sie aufschloss und die Wohnung betrat, ihre Mappe auf die große Truhe neben der Tür stellte, in die Küche ging, den Tiefkühlschrank öffnete, sich aus der untersten Schublade eine Schokoeistüte nahm, die Verpackung entfernte und freudig genoss, wie das wohltuende, kühle Eis auf ihrer Zunge zerschmolz.

Henriette

Fotos: flickr

An die Arbeit

Teil #1 der neuen Effi wird – ein Comic!

An jenem Nachmittag, dem 18. Oktober, saßen wir alle zusammen im Schreibkurs und diskutierten unsere Vorgehensweise für unser neues Projekt, eff.i19. Wir planten, welche Materialien wir brauchen würden, um die Geschichte in einen Comic umzusetzen (also welche Stifte, welches Papier usw.). Wir lachten auch viel.
Veronika

Er saß im Büro. Seit 9 Uhr saß er schon da. Im Anzug und mit Krawatte, die etwas unordentlich gebunden war. Das lag am Zeitdruck von heute früh, fast hätte er seinen Bus verpasst. Aber das war ihm jetzt auch egal. Er sammelte Ideen für das neue Projekt und aß dabei Schokolade. Eigentlich tat er nur das zweite, denn er hatte eine Blockade. Jan

Ein weites Feld

Der Ball beschließt das erste Kapitel

Fontane ist Unterrichtsstoff, häufig zum Leidwesen derer, die im Klassenzimmer oder im Seminarraum sitzen und zuhören (müssen). Angestaubt, preußisch, schwer zugänglich – schmeichelhaft sind die Assoziationen nicht. Eine Gruppe Studierender der FH Potsdam hat sich ein Jahr vorm Jubiläum Fontane200 mit dem Dichter befasst, orientiert an der Frage: Warum eigentlich Fontane? Die Ergebnisse machen Lust, 2019 zu feiern. Neue pfiffige Buchcover für die Klassiker, ein Memory zum viel zitierten „weiten Feld“, oder der Vergleich historischer Kontaktanzeigen mit dem, was wir heutzutage auf Tinder preisgeben, beweisen: Fontane lässt sich modern spielen!
Nicole Krüger studiert im Master Europäische Medienwissenschaft in Potsdam und war eine Teilnehmerin des Projekts. Sie hat sich – auch – mit Effi Briest befasst und dem neuen Lebensabschnitt, der für junge Frauen mit dem Ende der Schulzeit beginnt. Nicole sprach mit Abiturientinnen aus Werder an der Havel und fotografierte sie am Abend ihres Abiballs. Ein Erfahrungsbericht.

Warum eigenlich Fontane? Die Mark erwandert haben die Studierenden der FH Potsdam auch, und währenddessen ganz „fontanesk“ Eindrücke gesammelt, wie sich das Werk des Dichters in einen zeitgenössischen Kontext übersetzen lässt.

Ursprünglich komme ich aus Brandenburg, im Landkreis Oberhavel bin ich aufgewachsen und zur Schule gegangen. Während der Schulzeit bin ich natürlich mit Fontanes Werken in Berührung gekommen, jedoch musste ich nie einen ganzen Roman lesen. Ich habe das Thema eher als trocken in Erinnerung behalten. Was mich am Kurs zunächst doch gereizt hat, waren der Titel und die inhaltliche Beschreibung „wir können uns die Jubiläen nicht aussuchen aber vielleicht das Beste daraus machen und für uns selbst und andere neue Zugänge erschließen“.

So hat sich dieses Projekt entwickelt, als eine Art experimenteller Raum, in dem sowohl die Person Fontanes als auch seine Werke in neue Formate übersetzt wurden und eine differenzierte Auseinandersetzung möglich war.

Mein eigener Abiball fand 2012 statt. Wir feierten eher unspektakulär in einer Turnhalle. Es war ein schöner Abend und ich trug ein kurzes, schwarzes Kleid, das ich einen Tag vorher in einem Outlet-Center in Berlin gekauft hatte. Ich hatte Wochen vorher nach einem passenden Kleid gesucht aber bin dann doch erst so kurzfristig fündig geworden. Mein Kleid hängt tatsächlich noch bei mir im Schrank, obwohl ich es nach meinem Abiball kein zweites Mal getragen habe.

Ich war damals sehr positiv gestimmt, weil ich nach dem Abschluss für ein paar Wochen verreist bin und für die Zeit danach beriets ein Praktikum in einem Fotostudio vereinbart hatte. Daher wusste ich, was mich erwartet. Ich freute mich zunächst darauf, die Unsicherheit kam erst, als mir während der Arbeit bewusst wurde, dass Studiofotografie absolut nicht mein Ding ist. Da musste ich mich neu orientieren.

Aufbruch kann Vieles bedeuten, man assoziiert damit zunächst einen Anfang oder eine Veränderung, etwa den Beginn eines neuen Lebensabschnitts.

Ein Aufbruch gibt keine Richtung vor. Es steckt der Bruch darin, man schließt etwas ab, lässt eine bestimmte Lebensphase hinter sich und widmet sich etwas Neuem. Fontane hat in einigen seiner Romane bedeutsame Wendepunkte im Leben junger Frauen thematisiert, auch bei Effi Briest, die zunächst in eher freudiger Erwartung die Ehe mit Innstetten eingeht, die Vermählung jedoch den Beginn ihrer tragischen Geschichte markiert.

Es geht in meiner Arbeit nicht nur um den Bezug zu Effi Briest, sondern um die Stellung und die eingeschränkten Möglichkeiten der Frauen zu Fontanes Zeit. Für die Frauen in meiner Arbeit ist der Abschlussball ein Punkt, von dem an sie selbstbestimmt ihr Leben in die eigenen Hände nehmen können, anders als vor 150 Jahren. Alle haben große und sehr unterschiedliche Pläne was ihre Zukunft betrifft.

Es war für mich keine Überraschung, wie wichtig den jungen Frauen dieser Abend und vor allem ihr Outfit war. Wenn ich an meinen Abiball zurückdenke, war das zwar noch nicht ganz so ausgeprägt, aber der Trend aus den USA einen unvergessenen und pompösen Prom zu feiern, scheint sich von Jahr zu Jahr zu steigern.

Die meisten Frauen hatten eine klare Vorstellung von ihrer Zukunft. Viele wollten verreisen und im Anschluss eine Ausbildung oder ein Studium beginnen. Generell wirkten sie alle schon sehr erwachsen und bewusst was ihre Entscheidungen betrifft. Auch die Wahl des Kleides schien zum jeweiligen Charakter zu passen. Ich habe mich in der Recherchephase intensiv mit anderen fotografischen Arbeiten zum Thema Abschlussball auseinandergesetzt, sowie mit Arbeiten, die junge Frauen in der Übergangsphase hin zum Erwachsenwerden zeigen.

Tanz- bzw. Heiratsbälle vor 150 Jahren und heutige Abschlussbälle lassen sich nicht in einen Topf werfen. Sie haben zwar eine Gemeinsamkeit, denn sie markieren einen Wendepunkt im Leben der jungen Frauen, dieser könnte mittlerweile kaum unterschiedlicher sein.

Heutzutage geht es vor allem darum, noch einmal gemeinsam zu feiern: Schüler, Lehrer, Eltern, Freunde und Verwandte kommen zusammen, um die Leistung der AbiturientInnen anzuerkennen. Der Ball markiert auch den Abschied, nicht nur von der Schulzeit, zum großen Teil auch vom Elternhaus, das die meisten in den Wochen und Monaten nach dem Schulabschluss verlassen.

Fotos: Nicole Krüger /FH Potsdam

Ein weites Feld

„Effi hat das Beste aus ihrer anfänglich unglücklichen Situation gemacht“

Als Studentin an der Universität Leipzig entschied sich Juliane Stückrad für Ethnologie und Kunstgeschichte. Nach ihrem Abschluss reiste sie durch Mittelamerika, auf der Fährte exotischer Kulturen. Zurückgekehrt, spürte sie dem kulturellen Gedächtnis ihrer Landsleute nach, der Menschen in den ostdeutschen Bundesländern. Gewandert wie Theodor Fontane, den die gebürtige Eisenacherin schätzt, ist Juliane Stückrad allerdings nicht. Sieben Jahre lebte und arbeitete sie im Süden Brandenburgs. Die Begegnungen mit den Menschen dort inspirierten ihre Dissertation, „Ich schimpfe nicht, ich sage nur die Wahrheit. Transformationsprozesse im ländlichen Raum in Brandenburg am Beispiel von Elbe-Elster“. Medial geschürten Vorurteilen über jammerige Ostdeutsche hält sie ein dynamisches Plädoyer entgegen, wonach eine Gesellschaft, die sich ständig neu erfinden muss, ein Recht auf Toleranz hat, auf Wertschätzung – und Erschöpfung. Ein Gespräch über Identität(en).

In Ihrer Dissertation fällt das Wort „Transformationsprozesse“. Das klingt schmerzhaft, aber dynamisch. Wie übersetzen Sie den Begriff?
J.S.: Er hat sich in der wissenschaftlichen Sprache durchgesetzt, wenn es um die Umformung eines gesellschaftlichen Systems in ein anderes geht. Ich verwende diesen Begriff nicht wertend. Jeder empfindet diesen Prozess anders. Es kann sein dass es einzelne gibt, die diese Umwandlung als schmerzhaft erleben, andere erleben sie als Befreiung.

Auch Theodor Fontane hat vor rund 150 Jahren Veränderungen in der Haltung seiner Landsleute beschrieben, etwa den Fortschrittsglauben oder aber die Kriegsbegeisterung 1870/71. Dem entgegen setzte er seine „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“, ein idyllisches, im Erzähltempo unaufgeregtes Buch. War das Absicht?
J.S.: Fontane folgte selbst dem Geist seiner Zeit, der Landschaft und das Leben der Landbevölkerung neu entdeckte und für künstlerisch inspirierend hielt. Generell spürt man als Bewohner ländlicher Räume bewusster die Anhängigkeit von der Natur. Das strukturiert das Leben anders. Die Gegenden sind dünner besiedelt. Und wo weniger Menschen leben, gibt es auch weniger Kontakte und Aktionen. Beides, die Nähe zur Natur und die strukturelle Ereignislosigkeit, führen zu einem bestimmten Lebensgefühl, das der eine positiv als Entschleunigung empfindet, während der andere sich langweilt.

Sind die Brandenburger konservativ – oder sind sie weitsichtig genug, nicht jeden Trend sofort mitzumachen?
J.S.: Ich kann mich nicht erinnern, dass ich während meiner Jahre in Brandenburg überproportional viele konservativ eingestellte Menschen traf. Ich hatte eher den Eindruck, dass sich viele im Zustand einer Suche befanden. Man war bemüht, mit den Erfahrungen aus dem Leben in der DDR und der Nachwendezeit Handlungssicherheiten für die lokalen Gegebenheiten zu finden.

Unsere Herkunftsheimat prägt unsere Identität am stärksten. Sie stammen aus Thüringen, haben in Sachsen studiert und dann sieben Jahre in Brandenburg gelebt. Was ist Ihnen aufgefallen, wo die Mark anders tickt?
J.S.: Ich erlebte in der Tat einen Kulturschock, nachdem wir uns entschieden hatten, richtig nach Brandenburg zu ziehen. Das war vor allem dem Stadt-Land-Unterschied geschuldet, da ich bis dahin nur in Städten gelebt hatte. Das Leben auf dem Land erschien mir anstrengender und einsamer, weil man nicht die gewohnte Infrastruktur vorfindet und nicht so einfach die sozialen Milieus findet, die man gewohnt ist. Dafür begegnete ich Menschen, die ich in der Stadt nie getroffen hätte und von denen ich viel lernte. In der Rückschau war die Zeit in Brandenburg sehr wichtig für meine persönliche Entwicklung. Ohne es zu deuten, stelle ich fest, dass ich als Ethnologin bei meinen Forschungen in den Dörfern und Städten Thüringens und Sachsens sehr viel einfacher mit den Menschen ins Gespräch komme, als in Brandenburg. Bei meiner Feldforschung im Elbe-Elster-Kreis war es wesentlich aufwändiger an Daten zu kommen. Die Menschen im Süden Brandenburgs wirkten verschlossener auf mich und mehr mit sich beschäftigt, natürlich von den Ausnahmen abgesehen, von denen ich genauso berichten könnte.

Sind Fontanes Romanfiguren typische Brandenburger?
J.S.: Ich halte es für gewagt, sie mit heutigen Menschen zu vergleichen. Die Region war jahrhundertelang von der Gutswirtschaft und deren Abhängigkeitsverhältnissen geprägt. Das ist mentalitätsgeschichtlich nicht unwesentlich, weil es die Einstellung zu Machtverhältnissen und zur eigenen Handlungsfähigkeit beeinflusste.

Effi Briest ist eine junge Frau, deren Wunsch, modern zu denken und Neues zu wagen, von den Konventionen ihrer Zeit und ihres sozialen Umfelds gecrasht wird. Geht Fontane zu hart mit seiner Protagonistin um oder war er als Autor einfachzu alt, um ihr Schicksal optimistischer zu schreiben?
J.S.: Fontane hat beim Schreiben möglicherweise die dramatische Handlung vor Augen gehabt, die mit dem frühen Tod Effis einfach besser funktioniert hat.

Wie haben Sie die jungen Brandenburger heutzutage erlebt?
J.S.: Sie sind, wie wir alle, entspannter, was die gesellschaftliche Relevanz von Eheschließungen und Scheidungen betrifft. Und dennoch sind auch wir in Konventionen gefangen; zum Beispiel, dass junge Eltern heute viel zu leisten haben: Man muss beruflich erfolgreich sein, möglichst nicht zu spät Kinder bekommen, diese optimal auf den Arbeitsmarkt vorbereiten und neben Beruf und Familie auch noch fit, gut drauf und gesellschaftlich engagiert sein. Das alles ohne Dienstpersonal zu bewältigen, wäre für Effi sicherlich undenkbar gewesen.

Mich hat erstaunt, dass die Familie für viele junge Menschen, Jungs und Mädchen, die ich in Brandenburg traf, so eine große Rolle spielt. Das wirkte auf mich nicht zwanghaft, sondern freiwillig und zumeist entspannt. Mir erschien es aber häufig, dass in vielen Familien Zukunftsängste und Pessimismus, die aus der Massenarbeitslosigkeit nach der Wiedervereinigung resultierten, an die nächste Generation weitergegeben wurden. Mädchen mussten mit ihren beruflichen Interessen häufig konsequenter ihr Zuhause verlassen und konnten sich so andere Weltsichten aneignen.

Wenn Effi im Jahr 2019 als junge Frau ihren Wohnsitz Hohen-Cremmen „managen“ würde, wie sähe der aus? Haben Sie in Brandenburg ein Beispiel erlebt, das funktioniert und Identifikationsräume für die Menschen vor Ort schafft?
J.S.: Effi käme würde mit Hilfe von Fördermitteln und Spenden das heruntergekommene Gut zu einem Mehrgenerationenhaus mit betreutem Wohnen und Kindergarten ausbauen. Kulturelles Herzstück dieser Einrichtung ist ein Buchladen mit Lesecafé, die von ortsansässigen jungen Leuten betrieben werden. Dort gibt es regelmäßig Veranstaltungen und sogar eine Theatergruppe hat sich gegründet, die lokale Themen humorvoll auf die Bühne bringt. Dafür habe ich übrigens ein wunderbares Vorbild vor Augen, die „Bücherkammer“ in Herzberg.

Ausgehend von Effis Gut ist das ganze verschlafene Dorf zu neuem Leben erwacht. Erste Familien ziehen zu und in Kürze wird der alte Dorfkonsum wiedereröffnet. Für eine zuverlässige Busverbindung in die nächste Stadt setzt sich jetzt eine Bürgerinitiative ein. Ich würde sagen, Effi hat das beste aus ihrer anfänglich unglücklichen Situation gemacht. Sie kann sehr stolz auf sich sein. Ach so, natürlich hat sie auch jemanden fürs Herz gefunden, der sie wirklich liebt. Es ist der Pfarrer aus dem Nachbardorf, aber das soll noch keiner wissen.

 

Dr. Juliane Stückrad, Jahrgang 1975, ist Ethnologin und Kulturwissenschaftlerin. Sie hat in Leipzig studiert, in Jena promoviert und lebt – nach einem Abstecher in den Süden Brandenburgs – nun wieder mit ihrer Familie in ihrer Heimatstadt Eisenach. Ihre Forschungsschwerpunkte sind die Bereiche Theaterethnologie, religiöse Volkskunde, Dorf- und Brauchtumsforschung. Aktuell beschäftigt sie sich mit der Bedeutung der Dorfkirchen im ländlichen Raum in Sachsen. Sie ist zudem Lehrbeauftragte am Lehrstuhl für Volkskunde der Friedrich-Schiller-Universität Jena.

Fotos: Privat

Das Original

Effi, die echte

Inspiriert von einer wahren Geschichte, entstand der Roman „Effi Briest“ in den Jahren 1889 bis 1893. Persönlich kannte der 70-jährige Theodor Fontane die realen Vorbilder seiner Titelheldin, ihres karriereorientierten, 20 Jahre älteren Gatten und ihres midlifekrisegeschüttelten Geliebten nicht. Er hatte Zeitungen studiert aber auch den Zeitgeist „gelesen“, beziehungsweise ihn den Berliner Stadtgesprächen abgelauscht. Die Denkweise der Hauptstadt verlangte, dass sich was änderte. Das fand der Autor gut, aus eigener Erfahrung seiner sieben Lebensjahrzehnte aber auch einigermaßen utopisch.

Fontane mag erkannt haben, wie dynamisch und idealistisch junge Menschen sind. Aber er war zu alt, um die Möglichkeit des Scheiterns für seine Effi auszuschließen.

Quelle des späteren Bestsellers waren eine Zeitungsmeldung vom 29. November 1886 und das Gespräch darüber, das Fontane mit der Frau des Verlegers führte. Bei einem Duell in der Berliner Hasenheide war ein Mann erschossen worden. Am hellichten Tag, mitten in der Stadt. Ein Jahrhundert später beliebter City-Park an der Grenze der Bezirke Kreuzberg, Neukölln und Tempelhof, gehörte die Hasenheide damals noch zu Berlins Umland, dem Teltow. Dort trafen die Kontrahenten zusammen, um, statt zu raufen, standesgemäß aufeinander zu zielen. Der Herausforderer: Armand von Ardenne, 38 Jahre alt, Militär. Der Herausgeforderte: Emil Ferdinand Hartwich, 43 Jahre alt, Jurist.

Beiden ging es um eine Frau. Dieselbe, unschwer zu deuten. Else.

Elisabeth, 19 Jahre alt, kurz vor ihrer Hochzeit 1873.

Elisabeth von Ardenne, 33 Jahre alt, war Vorbild für Fontanes Effi Briest. Eine taffe Frau, schön, liberal denkend, von ihrer Mutter erzogen, nachdem der Vater früh gestorben war. Im Roman darf er am Leben bleiben und Anteil nehmen am Schicksal der Tochter. Aufgewachsen in Sachsen-Anhalt als jüngstes von fünf Geschwistern, genoss Elisabeth die Jugend, liebte Tanzen und und war gesellschaftlichen Veranstaltungen enorm zugeneigt. Ein Mädchen, das sich seines Standes bewusst war, aber den Charakter eines Menschen eindeutig über die Rolle stellte, die es spielen sollte.

Genau so denkt Effi. Doch ist ihr Else einen Schritt voraus. Anders als ihr literarisches Alter ego hat sie bei der Wahl des Ehemannes Mitspracherecht. Der Auserwählte ist kein titeldekorierter Alt-Adliger, sondern ein ehrgeiziger junger Militär mit belgischen Vorfahren, dessen – bürgerliche – Familie in Leipzig die Haltung vertritt: Aufstieg durch Leistung. Vater von Ardenne ist Großaktionär bei der Eisenbahn. Das verbindet ihn mit dem Rheinländer Emil Hermann Hartwich, zuständig für das Bahnwesen im Handelsministerium und Vater von Emil Ferdinand Hartwich, Elses Geliebtem in spe.

Armand von Ardenne reibt sich auf, um seine Karriere voranzutreiben, stolpert immer wieder über die Erwartungen an seine Rolle, kann aber nicht aus seiner Haut. Er will Leistung bringen, nur ist das ihm vorgegebene Tempo zu heftig. Elisabeth läuft nebenher, behält ihren eigenen Kopf und steht stabil genug, angesichts des berufsfokussierten Mannes nicht depressiv zu werden. Das schafft sie viel besser als Effi, wird allerdings auch nicht in eine Enklave an der Ostsee verfrachtet, sondern vom abwechslungsreichen Berlin nach Düsseldorf, dann wieder nach Berlin. In Düsseldorf begegnet sie 1879 dem zehn Jahre älteren Hartwich, einem profilierten Strafrechtler, der, anders als Armand, seine Work-Life-Balance im Griff hat und neben seinem Richteramt malt, rudert, Cello spielt und den Turnverein Düsseldorf gründet. Hervorhebenswert: Seine romantische Ader. Er porträtiert Else. And the rest is history.

Nicht zuletzt hat Emil einen tollen Draht zu Elses Sohn Egmont von Ardenne, dem Vater des späteren Physik-Nobelpreisträgers Manfred von Ardenne. Umgekehrt kumpelt sie mit Emils Söhnen. Patchwork, als es den Begriff dafür noch nicht gab.

Nachdem die von Ardennes nach Berlin zurückgegangen sind, schreiben sich Emil und Else leidenschaftlich Briefe. Beide wollen sich scheiden lassen, um miteinander glücklich zu werden. Ehe es dazu kommt, knackt Armand das Schloss am Schreibtisch seiner Frau und beschlagnahmt die Briefe. Heutzutage ein Unding, damals ein Kavaliersdelikt. Geschieden wird trotzdem und der betrogene Ehemann verhält sich ähnlich verletzt-bockig wie von Geert von Innstetten, doch Else die Kinder zu entfremden, schafft er nicht. Theodor Fontane mutet seiner Titelfigur da ein härteres Los zu. Effi Briest scheidet mit nur 29 Jahren aus dem Leben, Elisabeth von Ardenne stirbt, 99-jährig, am 6. Februar 1952.

 

An die Arbeit, Eff.i2020 und ff

Das 68. Notizbuch

„Ich will was mit Medien machen“, ist kein Zitat des jungen Theodor Fontanes gewesen. 200 Jahre später fasst es seine Arbeitsweise aber ziemlich gut zusammen.

67 Notizbücher Stoffsammlung hat er angehäuft. Einen Himalaya aus Notizen, Anekdoten, Zeitungs-Clippings, Zitaten, Ideen für Texte, Stichworten über Begegnungen, Beobachtungen – ff.  Dieser Blog ist #68, das erste virtuelle Notizbuch, nicht von ihm, sondern über Theodor Fontane – und seinen Roman „Effi Briest“, der einst – vielleicht etwas gestelzt – als Adoleszenzroman galt. Heutzutage verwendet die Literatur für diese Art Bücher das Label „coming of age“. Die Handlungsaufforderung dazu lautet: Nachlesen, wie jemand erwachsen wird.

Eff.i19 dokumentiert, wie jemand erwachsen wird, seinen Raum erweitert, und darüber schreibt.

Nachzulesen: Hier. Schülerinnen und Schüler aus Brandenburg machen sich in die Spur, Stoff für eine neue, eine moderne Fassung von Effi Briest zusammenzutragen, und ihre Geschichte als Fortsetzungsroman („ff.“) aus ihrer Sicht wiederzugeben. 2019 jährt sich Fontanes Geburtstag zum 200. Mal. Die Laudatio schenken wir uns und ehren ihn damit, seine Methode anzuwenden, weil sie zur Mediennutzung junger Menschen heute passt. Ein worldweites Feld, das ihm gerecht wird. Und uns auch.